Energiesysteme

Einer der bemerkenswertesten Sätze in der Analyse von Hermann Scheer zum Unterschied alter fossiler Energien und erneuerbarer Energie ist der: Die Wahl der Energiequelle bestimmt alles was danach kommt.

Wenige werden jetzt den Sinn dessen, was Hermann Scheer damit meint, sofort erfassen können.  Wer allerdings einen von Hermann Scheers energiepolitischen Vorträgen gehört oder eines seiner Bücher gelesen hat, wird sich sofort erinnern, denn dieser kleine Satz trägt Sprengstoff in sich. Es die Kernthese seiner stringenten Analyse zu Energiesystemen. Und damit spricht Scheer dann auch am Ende von einem Energiesystemkonflikt.

Dabei ist diese Überlegung gleichzeitig eine historische Betrachtung und zeigt wie tiefgehend seine Überlegungen sind.

Hermann Scheer kam recht früh auf die Idee, zu untersuchen, was die Wahl einer Energiequelle eigentlich mit ihrem Umfeld zu tun hat. Viele haben immer noch nicht verstanden wie wichtig das alles für die Energiewende ist. Insofern kann man schon sagen, Hermann Scheer war ein Vordenker. Bei den Energiepolitikern der CDU aber auch bei denen aus der eigenen Partei, der  SPD galt Hermann Scheer ein Feind.

Und doch  Scheer hat bis heute recht behalten und das auch lange nach seinem Tod. Ich bin mir sicher, dass das auch für die Zukunft gelten wird. Der Gedanke die Folgen der Wahl einer Energiequelle zu beleuchten und ihn in die Energiedebatte einzubringen ist nun fast 30 Jahre alt und trotzdem so frisch wie am ersten Tag. Techniker belächelten ihn damals und Scheer konterte meist, damit: Die meisten Energieexperten sind ein Teil des Problems.

Scheers gedanklicher Weg führt uns zu den Ölquellen im nahen Osten oder auch zu den jetzt längst versiegten Ölquellen in den USA. Als wir das Öl begannen zu nutzen, entstanden Dinge, die man sich damals so nicht vorstellen konnte. Es brauchte Fördertürme und eine Transportkette, aber es brauchte auch Geld um das alles zu errichten. Öl hatte einen großen, wahrscheinlich den größten Anteil an der technischen, wirtschaftlichen, kulturellen, soziologischen und weltpolitischen Entwicklung.

Screenshot WDR-Doku Blut um Öl - Die Kriege um das schwarze Gold

Screenshot WDR-Doku Blut um Öl

Aber fangen wir da an wo man beginnen muss, bei der Entdeckung einer Ölquelle und einer kleinen aber entscheidenden Nachfrage nach diesem Schmier- und damals noch Brennstoff für Lampen. Wenn eine Ölquelle entdeckt ist, fordert sie automatisch gleich mehrere Dinge, die aufeinander aufbauen und miteinander verwoben sind.

Es braucht eine Fördertechnik und natürlich eine Aufbereitungstechnik, es braucht auch  Pipelines, eine Transportinfrastruktur, die mit wachsender Nachfrage auch immer größer werden muss. Alles muss vorfinanziert werden, denn der Entdecker wird das Geld ja nicht in dem Maße haben wie es gebraucht wird und es werden ständig größere Geldmengen. Also braucht man  Geldgeber, die die Chancen und Risiken richtig einschätzten und natürlich mitverdienen wollen. Es brauchte Besitzrechte, Lizenzen zur Förderung, Raffinerien, Transportschiffe und es gab von Anfang an auch den Verteilungskampf ums Öl. Heute führen wir Kriege ums Öl. Und es braucht eben auch die Verbraucher mit ständig wachsender Nachfrage und mit dem Auto entwickelte sich eine ganz eigene Wirtschaft.

All das bestimmt und prägt damit aber auch die Unternehmensformen. Zwangsweise müssen sich dabei, aufgrund des Wettbewerbs, Konzentrationen und am Schluss sogar auch monopolistische Strukturen entwickeln. Und genau das geschah auch, wie man es an der Handvoll global wirtschaftender Großkonzerne in Sachen Mineralöl unschwer erkennen kann. Preisabsprachen inklusive versteht sich. Es ist daher kaum verwunderlich, dass wir Namen wie Rockefeller (Standard Oil Company) und Rothschild in der frühen Geschichte des Erdöls heute immer noch kennen.

Fortschritt

Diese Energiequelle Erdöl hat uns den technischen Fortschritt ermöglicht und sie bestimmte damit auch die Form unserer technischen Entwicklungen, mit allem was wir uns denken können. Verkehr auf der Straße, zu Wasser und in der Luft. Die chemische Industrie nicht zu vergessen. Wir haben auf die Ressource Erdöl gesetzt und sind nun zwingend darauf angewiesen. Dieser Treibstoff führt unweigerlich in die Abhängigkeit, sowohl im Privaten als auch für die ganze Welt im großen Stil.

Ressourcenkriege zur Absicherung und Aufrechterhaltung unseres Systems genauso wie der Aufrechterhaltung Machtverhältnisse sind die Konsequenz. Und es gab sie von Anfang an.

Was würde eine andere Energiequelle machen?

Hermann Scheer setzt hier den Vergleich zu erneuerbaren Energien an. Er sagte: “Die erneuerbaren Energiequellen sind nahezu überall dezentral einsetzbar. Wir brauchen keine Fördertechnik, wir brauchen keine Transportinfrastrukturen, die ständig Geld verschlingen, weil die Quellen am Ort des Verbrauches entstehen können und werden. Alle technischen und wirtschaftlichen Infrastrukturen aus dem alten Energiesystem werden überflüssig. Es werden andere, die keine Konzentration und Monopolstrukturen nach sich ziehen können.”

Auch diese Erkenntnis ist schlichtweg die Konsequenz, die sich aus der Wahl der Energiequelle ergibt. Es kann keine Monopolstrukturen aus einem einfachen Grund geben: Erneuerbare werden so billig sein, dass sie sich jeder leisten kann. Das verändert die Besitzverhältnisse radikal und komplett und stellt sie auf den Kopf. Und weil Hermann Scheer nicht nur ein Visionär war, sehen wir heute, dass was er kommen sah, ist eingetreten. Heute sind Erneuerbare so billig, dass sie sich jeder leisten kann und das weltweit. Lesen sie hier…

Erneuerbare weltweit günstigste Energiequelle

Auch in Deutschland lässt sich heute Strom aus Sonne oder Wind für bereits 4 ct/kWh herstellen. Hausbesitzer zahlen ca. 10 ct/kWh. Damit treten die Erneuerbaren mit jetzt ca. 2 Millionen Anlagen gegen herkömmliche Stromkonzerne an, die alles dafür tun, diese Entwicklung zu behindern. Und nicht umsonst sind oben erwähnte Energiepolitiker stets nach ihrem politischen Amt mit einem Aufsichtsrastposten in einem großen Energiekonzern belohnt worden.

Zurück zum Öl – der Generalangriff.

Wer sich mit Hermann Scheers Thesen auseinandergesetzt hat, wird trotzdem oftmals Zweifel haben. Denn irgendwie versteht man es doch nicht ganz was das alles bedeutet und wie radikal es gemeint sein könnte. Es gibt ein kleines Beispiel, womit man sich die Radikalität vorstellen kann, mit der sich unsere Welt ändern wird. Dazu eine kurze Vorbemerkung.

Wenige kennen die wirklichen Vorteile des eAutos. Dafür haben große PR-Agenturen gesorgt auch im Auftrag von Konzernen, denn die Konsequenzen sind sehr bedrohlich, wenn sich das eAuto durchsetzt. Hier einige der Mythen die man bewusst gesetzt hat. Darin heißt es, eAutos wären…

  • nicht umweltfreundlich – das ist aber widerlegt
  • Akkus bestehen aus seltenen Erden – auch das ist widerlegt
  • Rohstoffe für Akkus reichen nicht – das ist widerlegt
  • die Reichweite ist zu klein – für 90% aller PKW-Besitzer passt sie, denn die durchschnittliche Tagesfahrstrecke liegt unter 40 km. In 2020 wird aber die durchschnittliche Akkureichweite bei mind. 250. liegen.
  • die Anschaffungskosten für das eAuto werden sich denen eines Verbrenners angleichen.
  • Tankstellen, also Ladepunkte seien nicht vorhanden, heißt es – eine Steckdose zu Hause reicht in den meisten Fällen schon aus.
  • Das Ladenetz sei noch nicht ausgebaut – Ein Blick ins Internet genügt.
  • eAutos sind zu  teuer –  in der Gesamtkostenrechnung liegen sie bereits jetzt schon vorn.

Dagegen wissen die Wenigsten:

  • eAutos sind nahezu wartungsfrei – also besonders kostengünstig.
  • eMotoren halten bis zu 1 Mio. km und brauchen keine Wartung.
  • Akkus sind völlig unterschätzt – 400.000 km, sind bei entsprechendem Akku-Management kein Problem. Tesla kündigt inzwischen bereits eine Akkugeneration an, die 1,6 Mio. Kilometer hält.
  • Der Stromverbrauch von eAutos ist sehr gering, obwohl ständig das Gegenteil behauptet wird. Wir bräuchten lediglich ca. 15 % mehr an Strom um alle Autos in Deutschland mit Strom fahren zu lassen.
  • tanken mit dem eAuto ist günstig, noch günstiger wird es an der eigenen Photovoltaikanlage.

Zurück zum Generalangriff – mein kleines Beispiel

Heutige neue Kompakt-eAutos kommen mit einem Verbrauch von 15 kWh/100 km aus. Das sind umgerechnet 1,5 Liter Diesel. Photovoltaikmodule sind heute schon sehr günstig. Wer sich im Internet 2 Solarmodule besorgt bekommt sie für ca. 360 € inkl. Transport. Das folgende kleine Rechenbeispiel zeigt die eigentliche Bedrohung auf.

Solche Module halten nach heutigen Erkenntnissen 30 bis 40 Jahre, dann müsste man sie austauschen. Die Leistung der beiden Module beträgt zusammen 600 Watt. Damit ließen sich in Deutschland pro Jahr im Durchschnitt ca. 600 kWh Strom erzeugen. Das wären in 40 Jahren 24.000 kWh.

Wenn die Wahl der Energiequelle zu einer guten Entscheidung wird

Mit 24.000 kWh kann man bei einem Verbrauch von 15 kWh/100 km insgesamt 160.000 km weit fahren.

Das ist die Strecke 4 mal um die Erde und das für 360 EUR.

Natürlich muss man fairerweise noch Kosten für Wechselrichter und Ladeverluste einrechnen. Es bleibt trotzdem ein Ergebnis, dass Ölfirmen und Stromkonzernen gar nicht passt.

Und das war genau die Ansage, die Hermann Scheer der Welt machte. Es ist die Ansage der Erneuerbaren an die Konzerne, an die Besitzstrukturen, an die Wirtschaft, an die Form der Weiterentwicklung. Es ist die Ansage, dass Energie mit einem Mal etwas ist, dass seinen bisherigen Wert völlig neu definieren wird. Das ist aber auch der Umstand, weshalb die Thesen von Hermann Scheer in einigen Kreisen so unbeliebt sind. Mit Energie lässt sich dann kein Geld mehr verdienen, Energie wird einfach da sein.

Die Energiequelle bestimmt alles …

Locker bleiben

Ihr Klaus Müller

Genießen Sie die Sonne, bald kommt der Frühling.

Klaus Müller
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