Konjunkturpaket 5.0 – wo wollen wir hin?

Kommentar: Gastautor  – Thomas Balmert

Wir haben ein Konjunkturpaket – welches Konjunkturpaket bräuchten wir für eine lebenswerte Zukunft?
Über das Konjunkturpaket der Regierung wurde in den letzten Tagen viel geschrieben. Viel Positives und viel Negatives. Aber wie müssten die Maßnahmen aussehen, damit wir eine lebenswerte Zukunft haben.
Und da fange ich als Erstes in der Politik an. Wir leben in einer Demokratie mit einem hohen Maß an Transparenz. Viele Probleme der letzten Jahre sind aber dadurch entstanden, dass die Transparenz eben nicht hoch genug war. Wir brauchen ein Transparenzgesetz gekoppelt mit einem Lobbyregister. Wirtschaftlicher Lobbyismus muss noch transparenter werden, besser noch, vollkommen transparent und der Öffentlichkeit bekannt sein.

Zweitens brauchen wir eine komplett andere Bildung. Die noch vorherrschende „preußische“ Bildung mit dem Fokus auf Wissensvermittlung, einhergehend mit der „Pisasierung“ der Schule, der „Bolognasierung“ des Studiums, muss geändert werden. Diese Prozesse sind ausgelegt auf die Ausbildung von UmsetzerInnen, von SystemerhalternInnen. Wir brauchen aber ProblemerkennerInnen, ProblemstellerInnen und LösungsfinderInnen. Auch dort gibt es Lösungen, das BNE Programm der Unesco, die „Schule im Aufbruch“ von Magret Rasfeld (1) oder auch andere Ansätze. Aber sie müssen umgesetzt werden. Die jetzt geplante Digitalisierung der Schule ist ohne einen neuen Bildungsansatz nur ein Fortschreiten und Potenzieren der Probleme, ist keine Lösung.

Drittens brauchen wir einen neuen Medienansatz. Klassische Medien finanzieren sich durch Werbung und Verkäufe der Printausgaben. Auch die neuen Medien (YT Kanäle) finanzieren sich über zahlende Follower und Werbeeinnahmen. Sind aber viel transparenter und volatiler als die Klassischen. Sie leben von Vertrauen, einem raren Gut in einer transparenten Welt. Wie man gerade wieder im aktuellen Rezo Video sehen kann, ist der Lobbyismus in Teilen der klassischen Presse groß, das Vertrauen in deren Berichterstattung sinkt zu recht (2). Alle Medien müssen aber transparenter werden, sonst können sie ihre wichtige Rolle im Staat nicht wahrnehmen.

Und viertens brauchen wir eine andere Wirtschaft. Sie muss nachhaltig werden, basierend auf Cradle to Cradle (3) Prozessen, mit erneuerbaren Energien produzierend und nachhaltigen und fairen Lieferketten. Sie darf keine nationale Brille mehr aufhaben. Eine kurzfristig unmögliche Forderung, aber mittelfristig „alternativlos“. Wir haben nur eine Welt. Daher gilt der erste Punkt (transparente Politik) auch mittelfristig für die ganze Welt. Kein Ziel, was morgen erreicht wird oder erreicht werden kann. Aber eben das Ziel, um das Überleben als Gemeinschaft, als Zivilisation zu erreichen. Als ersten Schritt brauchen wir eine europäische Republik, wie sie zum Beispiel von Ulrike Guérot (4) vorgeschlagen wird. Mit einer gemeinsamen EU weiten Steuer-, Finanz-, Sozial- und Wirtschaftspolitik. Langfristig wird die UN diese Rolle spielen müssen, eine wirklich demokratische und transparente UN.

Aber wie kommen wir dahin?

Momentan wird diese Frage täglich gestellt, wie wollen wir leben in den nächsten Jahren, wie wollen wir leben mit Corona, wie wollen wir leben in der Klimakrise? Dabei ergeben sich viele lokale, regionale und internationale Veränderungen in verschiedenen Bereichen.
So leben wir im „freien Westen“ in Demokratien, wo durch Wahlen Mehrheiten geschaffen werden und Regierungen Entscheidungen und Regeln für das Zusammenleben treffen. Wir essen Obst und Gemüse aus fernen Ländern, Fleisch aus aller Welt und machen auch Urlaub in der ganzen Welt. Durch Corona ist zumindest das Reisen und Fliegen erstmal gebremst, aber viele warten darauf, wieder loslegen zu können. Die Warenströme sind zwar etwas gestört, funktionieren aber im Großen und Ganzen noch.

Die Hauptveränderung wird der Umstieg auf erneuerbare Energien sein. Erneuerbare Energien sind heute schon günstiger als fossil-atomare Energien, der Vorteil der Erneuerbaren wird aber fast täglich größer. Ab 2035 werden Windräder (etwa 40.000 onshore und 8-10.000 offshore) in Kombination mit tausenden PV Anlagen genug Energie erzeugen, um alle Bereiche/Sektoren von fossilen Technologien auf elektrische Technologien (eAutos, Wärmepumpen, …) umzustellen. Bürgergenossenschaften betreiben Bürgerwindparks, die Menschen in den Regionen werden an den Erträgen der Windparks beteiligt, die Akzeptanz für solche Projekte ist sehr hoch.

Dadurch wird die gesamte Energieversorgung demokratisiert, die Bürger haben ein Mitspracherecht bei den Planungen von Projekten und sind finanziell beteiligt. Die Transparenz der Planungs- und Entscheidungsprozesse erhöht sich signifikant, ebenso wie die Akzeptanz. 
Der zweite große Unterschied wird die Veränderung der Mobilität sein. Autonome Fahrzeuge ergänzen als flexible Zubringer einen verbesserten ÖPNV. eAutos sind das noch notwendige Instrument für den restlichen MIV, der vor allen in ländlichen Gebieten noch wichtig ist. Bahn und ÖPNV sind kurz getaktet und können viele Menschen transportieren. Der morgendliche Stau ist Vergangenheit, seit Corona ist das Arbeiten im Home-Office gesellschaftlich anerkannt und auch bei Firmen akzeptiert.

Durch Corona hat sich auch das Reisen verändert. Für Jahre war das Fliegen geächtet, die Flugbranche ist zusammengebrochen. Neue Flugtechnologien wie Akkuflugzeuge oder Flugzeuge mit eKerosin sind optimiert worden, ein klimaneutrales Fliegen wurde jetzt möglich, war aber ein ganzes Stück teurer als früher – und daher weniger genutzt.
Die dritte große Veränderung ist die Landwirtschaft und die Ernährung. Nachhaltige Anbaumethoden verändern die Landwirtschaft, „fleischloses“ Fleisch wird die Ernährung nachhaltig verändern. Hier ist es wichtig, dass die Gesellschaft kleineren Bauernhöfen eine Chance gibt, der nachhaltige umweltverträgliche Anbau von Obst und Gemüse muss der Gesellschaft etwas wert sein. Landwirtschaft und Natur waren wieder im Gleichgewicht, die Natur konnte sich wieder regenerieren.

Als vierte Säule brauchen wir ein neues Bauen. Zum einen wird die fortschreitende Klimaerwärmung zu besser gedämmten Häusern führen müssen. Jedes Haus ist ein Energieplus-Haus, erzeugt mehr Energie, als es verbraucht. Geändert wurde auch die Art des Bauens, Beton wurde immer häufiger durch Holz und andere nachhaltige Baustoffe ersetzt. In dem Zusammenhang hat sich auch die Art der Wohngebäude verändert. Das Einfamilienhaus ist ein Auslaufmodell, Mehrgenerationenhäuser sind der neue Standard.

Die fünfte Säule ist ein komplettes Umdenken der Industrie. Basierend auf den erneuerbaren Energien kommt ein kompletter Cradle to Cradle Prozess für alle Produkte. Alle Rohstoffe müssen in einen Rohstoffkreislauf, egal ob ein einfaches Kunststoffprodukt oder komplexe Produkte wie Maschinen, Autos oder PV Anlagen. Die Müllquote ist auf 0% gesunken.
Die gravierendsten Veränderungen betreffen aber die Gesellschaft. Das marktwirtschaftliche Modell wurde wirklich sozialisiert, eine gemeinwohlbasierte Ökonomie ist das neue Wirtschaftsmodell. Durch höhere Kapitalsteuern wird mehr umverteilt, die Gerechtigkeit war nie so hoch. Der Fokus auf rein monetäre Bezugsgrößen wie BIP, BSP oder anderen wich einem Gemeinwohlfaktor der Gesellschaft.
Möglich wurde das alles durch mehr Transparenz in der Politik. Alle politischen Entscheidungen müssen transparent nachvollziehbar sein, ein wirtschaftlicher Lobbyismus ist eingedämmt worden.
Wir leben 2035 in einer sauberen Umwelt, erzeugen saubere Energie, unsere Nachfahren haben eine lebenswerte Zukunft.

(1) Margret Rasfeld „Schule im Aufbruch“ https://youtu.be/LKFv1A0ncgs
(2) Rezo „Die Zerstörung der Presse“ https://youtu.be/hkncijUZGKA
(3) Cradle to Cradle https://c2c-ev.de/
(4) Ulrike Guérot „Warum Europa eine Republik werden muss“https://youtu.be/U979-GxJNCw


Das Konjunkturpaket erhielt viel Lob. Aber es gibt eine grundsätzliche Kritik und eine wichtige Sichtweise, die man nicht außer Acht lassen darf. https://t1p.de/dliy

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