Peinlich – und wieder stirbt ein Mythos – Infraschall bei Windmühlen

Gastbeitrag vom Bayreuther Zentrum für Ökologie und Umweltforschung, Uni Bayreuth, Dr. Stefan Holzheu

Vorwort eemag:

Wir kennen die Windkraftmythen, die von den üblichen Gegenwindinitiativen, Energiewendegegnern und Klimaleugnern immer, und immer wieder gestreut werden. Das wohl am meisten gebrauchte Argument ist das der Vogelschreddermaschinen. Und obwohl dieses Argument so umfangreich an vielen Stellen widerlegt wurde, z.B. hier und hier, werden diese Gruppen nicht müde es gebetsmühlenartig zu wiederholen. In einem ebenso nicht enden wollenden Gleichklang hören wir: Der Infraschall der von Windmühlen ausgeht, macht krank. Und man bezieht sich immer wieder auf eine wissenschaftliche Quelle, die des BGR nach Messungen von Dr. Lars Ceranna. Was ist nun aber, wenn dort der schlechteste aller anzunehmenden Fälle aufgetreten ist? Seine Berechnungen und Studien könnten einen Rechenfehler haben? Und tatsächlich ist dieser Fall eingetreten. Die Berechnungen haben einen schwerwiegenden Rechenfehler. Damit dürfte Infraschall zum Mythos werden und wieder ist ein Argument gestorben. Schade, schade…

Vielen Dank an Dr. Stefan Holzheu der mir genehmigte seinen Artikel darüber zu veröffentlichen. Den Link zum Artikel findest Du ganz unten.

Infraschall und Windenergie

Besonders kontrovers wird die Diskussion um Infraschall, wenn es um die Windenergie geht. Befeuert wird diese Diskussion von Organisationen wie EIKE, DSGS, Vernunftkraft oder Windwahn. Aus wissenschaftlicher Sicht interessant ist, dass diese Organisationen auch mehr oder weniger offen, den Mensch als Ursache für die aktuellen Klimaveränderungen in Frage stellen (siehe dazu EIKE, Windwahn & Co.). Die aufgeführten Argumente sind schon seit Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt. Trotzdem werden diese Organisationen nicht müde, diese zu publizieren. Eine Forschungstätigkeit im Sinne von eingeworbenen Drittmitteln, Ausbildung von Doktoranden und Studierenden, sowie Publikationen in anerkannten wissenschaftlichen Fachzeitschriften kann keine der Organisationen vorweisen.

Auch die veröffentlichten Arbeiten zu Infraschall und Windenergie weisen erhebliche wissenschaftliche Fehler auf und würden keinen wissenschaftlichen Review bestehen.

Diese Organisationen sind jedoch medial gut aufgestellt und kommen schnell mit Bürgern vor Ort in Kontakt, sobald über ein Windkraftprojekt nachgedacht wird. Ein Hauptargument gegen die Windkraft ist dabei der Infraschall.

Messungen und Berechnungen von Lars Ceranna, BGR

Fast immer beginnen die Vorträge oder Veröffentlichungen zur Gefährlichkeit von Infraschall mit den Messungen und Berechnungen von Dr. Lars Ceranna, BGR (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe). Die Veröffentlichung kann hier abgerufen werden. Ceranna hat an einem 200kW (Vestas V47) Windrad gemessen. Für heutige Maßstäbe ist das ein kleines Windrad. Basierend auf dieser Anlage stellt Ceranna Berechnungen an, welche Signalstärken von stärkeren Windrädern (5MW) oder gar ganzen Windparks erzeugt werden. Dabei nimmt er an, dass die abgestrahlte Infraschallleistung linear mit der elektrischen Leistung skaliert, sowie dass die Einzelwindräder sich in einem konstruktiven Interferenzmuster überlagern. Es handelt sich somit um “Worst Case”-Abschätzungen. Selbst unter diesen Annahmen kommt Ceranna in der Publikation zum Ergebnis (Seite 14):

Werden jedoch die Ergebnisse dieser Arbeit sowie die Kurven aus Abbildung 10 zu Grunde gelegt, ist keine Belästigung von Anwohnern durch Windkraftanlagen im Infraschallbereich bis etwa 20 Hz gegeben, da im Abstand von 1 km ein 5-MW Windrad nur einen Schalldruckpegel von maximal 80 dB erzeugt. Lediglich bei Frequenzen oberhalb von 15 Hz und größeren Windparks wäre in dieser Entfernung eine Wahrnehmung möglich.

Diesen Satz werden Sie natürlich nie in Veröffentlichungen von EIKE & Co. lesen.

BGR Modell liefert viel zu hohe Schalldrücke und basiert auf Rechenfehler

Trotzdem, würden die Berechnungen von Ceranna stimmen, sollte ich problemlos in der Lage sein, das Harsdorfer Windrad in 2,5km Entfernung zu detektieren. Nach den Abschätzungen von Ceranna würde ein 1,5MW Windrad in 2,5km Entfernung zu Signalstärken von 70dB führen (v.g. Abbildung 7). Dies ist jedoch nicht der Fall. Nur bei ganz speziellen Wetterlagen lassen sich Signale detektieren (vgl. Messkampagne Windrad Harsdorf 05/2020 und Reichweite Infraschallsignale Harsdorfer Windrad).

Die tatsächlich gemessenen Schalldrücke liegen weit unterhalb der Vorhersage des BGR Modells. Der Hauptgrund für diese Diskrepanz ist ein schwerwiegender Rechenfehler in der Schalldruckberechnung von Ceranna. Zu diesem Punkt gibt es eine separate Diskussionsseite.

Gesundheitsgefährdung

Wissenschaftlich gibt es keinen Beleg für eine Gesundheitsgefährdung durch Infraschall von Windrädern. Aufgeführte Publikationen weisen oft das Problem des “Selection Bias” (Stichprobenverzerrung) auf. Von einem Selection Bias spricht man in der Statistik, wenn durch die Art der Probenahme eine bestimmte Gruppe stark überrepräsentiert ist.

Dazu ein kleines Beispiel:

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Wissenschaftlich ernst zu nehmende Studien konnten bisher (wenn überhaupt) nur einen ganz schwachen Zusammenhang zwischen Abstand vom Windrad und den beschriebenen gesundheitlichen Beschwerden herstellen. Bedeutendere Faktoren als der reine Abstand waren Sichtbarkeit oder wirtschaftliche Beteiligung. Dies widerspricht der Infraschall-These. Hier zwei gute Zusammenfassungen zu diesem Thema: Health Effects Related to Wind Turbine Noise Exposure: A Systematic Review bzw. Summary of main conclusions reached in 25 reviews of the research literature on wind farms and health.

Sehr detailiert beschäftigt sich auch eine ganz aktuelle finnische Studie mit diesem Thema: Infrasound Does Not Explain Symptoms Related to Wind Turbines

Nocebo-Effekt

In der Statistik gibt es den “heiligen” Grundsatz: Eine Korrelation ist nie ein Beweis für eine Ursachen-Wirkungsbeziehung! Statistik liefert nur Auffälligkeiten. Die Aufklärung der Ursachen-Wirkungsbeziehung ist Aufgabe der Fachwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie, Medizin). Und da sieht die Beweislage extrem dünn aus:

  1. Die Schalldrücke der Windkraftanlagen im Infraschallbereich sind viel zu niedrig, um einen physikalischen Effekt (z.B. Schädigung Innenohr) auszulösen.
  2. Es existiert bis heute kein Doppelblindversuch, der nahelegt, dass Menschen tatsächlich in der Lage sind, Infraschallsignale in diesen Größenordnungen wahrzunehmen und v.a. aus dem allgemeinen Hintergrundrauschen herauszufiltern.
  3. Es gibt keine überzeugende wissenschaftliche Argumentation, weshalb relative schwache Infraschallsignale von Windrädern gefährlich sein sollen während deutlich größere Schalldrücke, wie sie in PKWs oder neben Trampolinen auftreten, gar nicht diskutiert werden.
  4. Es gibt überzeugende wissenschaftliche Arbeiten, die nahelegen, dass sich das beschriebene Erkrankungsbild ganz ohne Infraschall beim Menschen erzeugen lässt (Nocebo-Effekt).

Foto von Kelly Searle auf Unsplash

Link um Originalartikel

Weiterführende Links:

#WindkraftMythen – Das sollte man wissen

UmweltWissen – Klima und EnergieWindenergieanlagen – beeinträchtigt Infraschall die Gesundheit?

Sonnige Grüße
Klaus Müller

Energiewende-Rocken und eemag

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