Tipping Point – war das jetzt einer?

Wir leben in schnelllebigen Zeiten und das worüber ich heute schreibe war ein Fernsehbericht über das eAuto. Aber bevor Unstimmigkeiten aufkommen klären wir das eben grade – was ist ein Tipping Point? 

Tipping-Point

Der aus dem Englischen stammende Begriff tipping point (dt. Umkipp-Punkt oder Umschlagspunkt) bezeichnet einen Punkt oder Moment, an dem eine vorher geradlinige und eindeutige Entwicklung durch bestimmte Rückkopplungen abrupt abbricht, die Richtung wechselt oder stark beschleunigt wird („qualitativer Umschlagspunkt“). Im Deutschen findet der  Begriff Kipppunkt oder Kippelement Verwendung.

Wir kennen den Begriff in der Klimaforschung aber darum soll es heute nicht gehen. Von einem Tipping Point sprach Lars Thomsen, wenn er über das eAuto referierte und darüber berichtete ich auf Energiewende-Rocken in einem meiner ersten Beiträge über die Entwicklung des eAutos. Es war schon elegant, wie Thomson einem Tipping-Point mit der Herstellung von Popcorn beschrieb. Wenn man Popcorn selbst macht und der Moment überschritten ist und die ersten Maiskörner anfangen aufplatzen und man einen kurzen Zeitpunkt später nichts mehr aufhalten kann. Vorher reichte die Temperatur noch nicht aus, aber hinterher kannst du nichts mehr rückgängig machen. In genau der Situation befindet sich unsere Autoindustrie.  

Und genau so einen Tippingpoint haben wir gestern in der deutschen Fernsehgeschichte erlebt. Auch wenn das pathetisch klingt und wir nicht morgen schon die Auswirkungen spüren werden, der Filmbericht verdient sogar einen Eintrag ins Geschichtsbuch der Energiewende.  Die Debatte um das eAuto tobt für mich gefühlt seit ewigen Zeiten. In Wahrheit ist sie für viele relativ neu, und die meisten ignorieren das Elektroauto, weil es für sie nicht infrage kommt. Das sich diese Meinung gerade in deutschen Köpfen so permanent festgesetzt hat kommt nicht davon, weil wir so kritisch denken können. Nein, es ist lange wirkenden Desinformationskampagnen geschuldet. Das kann man gern als Spinnerei bezeichnen, aber meine seit langem währende These, hat etwas mit Leiser PR (#LeisePR) zu tun, einer neuen Technik, die in neoliberalen Thinktanks entwickelt wurde, und der sich bestimmte Kreise zu gern bedienen, um Meinung machen und zu manifestieren. Dass das mit verschiedensten Techniken funktioniert und die Auftraggeber dabei sehr selten enttarnt werden, ist inzwischen bekannt und wird immer weiter untersucht. Leider sind solche Techniken auch nicht zu verhindern und zu verbieten, weil sie sehr subtil arbeiten. Und genau deshalb braucht Institutionen wie Lobbycontrol und andere Vereine, die immer wieder für Aufklärung sorgen. Und es brauch hellwache Journalisten, die einen guten Job machen. 

Und genauso einer ist Alexander Noodt von Radio Bremen, der einen richtig tollen Film gemacht hat. Er berichtet über den Stand des Elektroautos in Deutschland, über die Ladesituation, über Vorurteile und wie man Vorurteile beseitigt und sie zu Urteilen macht und eine Menge Dinge mehr.  

Das hier ist der Text zur Sendung: 

Die Elektromobilität ist das neue Heilsversprechen der Industrie – die Werbung zeigt das längst. Irgendwo zwischen Dieselgate und Tesla-Boom stehen die Konsumenten mit der Frage nach dem nächsten Auto. Radio-Bremen-Reporter Alexander Noodt macht sich auf die Suche nach seiner automobilen Zukunft. Für dieses Elektro-Roadmovie tauscht er seinen VW-Bus ein und fährt mit einem E-Auto quer durch Deutschland. Denn als er sich vor elf Jahren seinen Bus mit Dieselmotor kaufte, war er sich sicher, dass das sein letztes Auto mit Verbrennungsmotor sein würde.
Für “Exclusiv im Ersten” trifft Noodt E-Auto-Enthusiasten, Gründer und Forscher und Menschen, die lange schon elektrisch fahren – immer mit der Frage im Gepäck “Ist ein E-Auto etwas für mich?” – stellvertretend für die Millionen von Autofahrer, die sich auch gerade diese Frage stellen. Wie schlecht ist der Diesel, wie gut der Elektroantrieb hinsichtlich der Ökologie, Praktikabilität und hinsichtlich der Kosten? Wo klappt’s mit der Elektromobilität, wo hapert es?

Warum lieben die Deutschen ihre Autos überhaupt so?

Reichweite, Ladeinfrastruktur, Batterieforschung – neben den rein technischen Fakten versucht der Autor auch noch, eine Antwort auf eine urdeutsche Frage zu finden: Warum lieben wir Deutschen unser Auto so? Kann man auch eine Emotion zu einem E-Mobil aufbauen? Es entsteht ein Film über ein gespaltenes Land, zwischen Dieselskandal und verschlafener Elektromobilität, zwischen Klima-Verzicht und individueller Freiheit. 
Der Autor jedenfalls hat eine emotionale Bindung zu seinem alten Auto. Wird ein Tausch für ihn in Frage kommen? Die Antwort wird er möglicherweise am Ende seiner Reise gefunden haben.

Nachdem wir eine Menge Filme im Fernsehen gesehen haben, die sich gegen das eAuto richteten (weshalb wohl?), gibt es nun den ersten objektiven Bericht. Und selbstverständlich verheimlicht der den miserablen Stand der deutschen Ladestationen nicht. Aber er zeigt endlich auch die positiven Dinge. Noch besser schaut ihr euch das ganze selbst an. Ich hatte nur ganz wenig zu kritisieren und (Achtung Spoiler) am besten gefiel mir die Szene, wo eingefleischte Opelfahrer schwach wurden. 

Sonnige Grüße
Klaus Müller

eemag und Energiewende-Rocken

 

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Klaus Müller
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