Brief aus der Zukunft an Christoph

Die aktuelle Krise lässt uns Zeit, uns selbst zu reflektieren, unseren aktuellen Lebensweg zu bewerten, dabei in die Ferne zu schweifen und uns zu fragen, was würde unser Ich aus dem Jahre 2100 uns mitteilen, wenn es uns eine Nachricht zurück ins Jahr 2020 schicken dürfte?

Wie könnte die Welt aussehen, was ist seitdem passiert?

Utopie – Brief an mich

Lieber Christoph,

Die Corona-Krise im Jahr 2020 hatte dazu geführt, dass sich die Menschen ihrer Sterblichkeit wieder bewusst wurden.

Neue Epidemien

Der Schock saß noch tief, als durch die auftauenden Permafrostböden und das schmelzende “ewige” Eis die nächsten Seuchen auftraten.

Pandemie und Klimakrise hatten rückblickend ihre große Gemeinsamkeit darin, dass wir plötzlich merkten, wie sehr wir von der Natur abhängig sind. Dieses Bewusstsein war notwendig, um die Natur nicht nur als ausbeutbare Ressource zu sehen. Wir realisierten, das wir statt mit der Familie zu essen, schnell was snackten. Statt zu reden, den Abend vor dem TV verbrachten.

In der Einsamkeit kamen in uns Zweifel auf, nutzten wir unsere Zeit wirklich sinnvoll, oder verdrängten wir nur noch? Wir waren sozial vereinsamt, emotional verkrüppelt und egoistisch. Die Leute bekamen das Gefühl, dass das normale Leben, das wir immer geführt hatten, nicht normal  war.

Alles musste schneller werden.

Wir hofften, uns trifft’s schon nicht und nichts war genug oder konnte die innere Leere stillen, das innere Gefühl betäuben. Wir verbrachten täglich Stunden lang online, ob beim Streamen, Gamen oder einfach auf Facebook und Instagram. Verloren dabei aber den Bezug zur Welt und kannten weder die Wünsche, noch die Träume unserer Mitmenschen. Statt zu leben, existierten wir nur.

Der individuelle Wohlstand stieg indes weiter. Wir lebten mit einem Androiden, der unsere Wünsche schon vor uns kannte. Vereinbarten Assistenten früher lediglich Geschäftstermine, organisieren und bestimmen unsere Androiden das gesamte Privatleben. Menschen sind häufig eine technologische Symbiose zur Selbstoptimierung eingegangen. In der schwierigen ”Trotzphase” suchten Einige die Schuld in technologischen Innovationen und wollten ideologisch zurück in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Es war eine Zeit sozialer Verwerfung und des wirtschaftlichen Abschwungs.

In der Zukunft wird niemand unbeantwortete Fragen haben, weil Information in Echtzeit direkt verfügbar sind und es immer eine Gegen-Quelle gibt. Es war ein langer Kampf.
Zeitweise war jede Information frei verfügbar, dafür war der Wert der Information gering. Es gab zu allem eine Gegenmeinung. Es herrschte ein Krieg um Daten und Informationen.
Allerdings bemerkte es kaum jemand in seiner Blase.

Jeder wusste, dass unser Planet krank war.

Aufgrund von Wassermangel auf der ganzen Welt, wurde es zum nassen Gold nach der Privatisierung. Irgendwann merkten auch die Letzten, das Geld lediglich bedrucktes Papier oder eine Ansammlung von Nullen und Einsen ist, was aber weder sättigt, noch ein Dach über den Kopf gibt. Sportwetten wurden durch Temperaturwetten abgelöst. Es ist das gesamte Jahr über Sommer, mittags steht die Welt still und man hält Siesta während der sengenden Mittagssonne. Trotzdem sind wir eines der Länder in der Welt, mit dem humansten Klima.

In dieser Phase kamen Zweifel am bisherigen Kurs auf. Man fragte sich, haben wir das im Leben erreicht was wir wollten? Ist unser Leben so geworden, wie wir es uns als Kind erträumten?
Haben wir den Beruf gewählt, den wir uns als Kind erträumt haben, oder eine andere Berufung gefunden? Durch die immer stärker sichtbar werdenden Klimafolgen merkte die Welt langsam, dass nationale Antworten nicht für globale Fragen ausreichten. Es war absehbar, das Technologien und Firmen, die nicht nachhaltig produzierten, keine Zukunft hatten.
Lobbyisten verschwendeten so viel wichtige Zeit, um Unausweichliches aufzuhalten.

Man gewann spätestens mit dem Schmelzen der letzten Eisberge vor Grönland die bittere Erkenntnis, dass der Klimawandel nicht mehr abgewendet werden konnte. Schnee kannten irgendwann nur noch die Älteren von uns. Die jährlichen Jahrhundertsommer wurden irgendwann traurige Normalität. Die Nahrungsversorgung in Europa kam an ihre Grenzen, hunderte Millionen Menschen begaben sich auf die Flucht in die letzten lebenswerten Flecken der Welt. Keine Mauer war hoch genug, keine Selbstschussanlage schnell genug, keine Abschreckungstat blutig genug, um Menschen von dort fern zu halten.

Fast war es zu spät, als Europa merkte, dass es für sich selbst definieren muss, was eine nachhaltige Welt umfasst und dass es sie retten musste. Man entwarf eine Alternative zu Amerikas Marktmonopolen und dem totalitären staatlichen Datenkontrollsystem Chinas. Es musste ein soziales und ökologisches,  kraftvolles und demokratisches Europa sein, das digitale Innovationen voranbringt und seine Bürgerinnen und Bürger schützt. 

Auch die Arbeitswelt wird sich verändern. Roboter verarbeiten das Rohmaterial voll automatisch. Mitarbeiter können sich auf sinnstiftende Tätigkeiten fokussieren. Die Aufgaben wurden von kostengünstigeren intelligenten Maschinen erledigt. Bei Störungen erkannte die KI es automatisch, hielt die Produktion an, orderte das Teil fürs defekte Gerät im Lager schon vor dem nahenden Verschleiß, eine andere Maschine baute es vollautomatisch, nach direkter Lieferung aus dem Lager, ein. Ein paar Menschen überwachen dies eher aus Gewohnheit, als aus Notwendigkeit. Im Lager wird über die Linse im Auge des Arbeiters angezeigt, welches Produkt in welchem Paket ist und wo es hin geliefert werden soll, die KI veranlasst die Auslieferung von selbst.  

Es fiel auf, das jene Menschen, die einen großen Wert auf  Besitz legen, ihr Umfeld aus den Augen verloren, denn all diese Gegenstände müssen umsorgt werden. Nicht wir besitzen die Sachen, die Sachen besitzen uns. Es fällt nicht leicht, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Wer sich wagte, konnte die Arbeitszeit verkürzen, ein Sabbatical beantragen oder früher in Rente gehen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten erfuhr man, dass sich nur die Wenigsten auf dem Grundeinkommen ausruhten. Die meisten reduzierten schlicht ihre Arbeitszeit. Andere wagten es, ihre Träume zu verwirklichen und machten sich mit ihren Hobby selbstständig, bildeten sich jahrzehntelang oder widmeten sich dem Ehrenamt, was plötzlich eine Renaissance erlebte.  Niemand ging mehr unethischer, ökologisch fragwürdiger oder gesundheitlich belastender Arbeit nach. Schlecht bezahlte Jobs wurden automatisiert. Dafür erfuhren soziale Tätigkeiten wie Erziehung, Bildungs- und Kulturarbeit einen Aufschwung.

Wir besannen uns zurück. Artenvielfalt sollte uns doch wichtig sein. Video-Link

Die neu eingeführte demokratische Weltregierung merkte schnell, nachhaltiger Wohlstand konnte nur Erfolg haben, wenn er digitalisiert und global wäre. Man beging nicht mehr die selben Fehler wie zuvor, überwand nationale Egoismen und löste eine digitale Revolution aus, die uns aus unserer Lethargie riss. 

Die Menschheit lebte wieder völlig selbstverständlich und bewusst nachhaltig und setzte nicht mehr auf ungebremstes Wachstum. Die Gesellschaft hatte ihre Wegwerfmentalität überwunden und fing wieder an, alte Sachen zu reparieren, anstatt sie weg zu werfen. Politiker wurden nicht mehr nach monetärem Vorteil gewählt, sondern wer ein Vorbild  für bewusstes und nachhaltiges Leben war, lenkte nun die Welt. Wir mussten die Verknappung unserer Ressourcen verhindern und wollten den Hilferuf unserer Erde nicht mehr verschweigen.Durch ein internationales “better Future Law” zur Einhaltung von Menschenrechten in der Lieferkette, wurden Unternehmen und Staaten direkt international in die Verantwortung genommen. Länder, die sich (oder Firmen aus den Ländern) nicht an die Vertragsinhalte hielten, wurden vom internationalen Markt mit Embargos fern gehalten, bis sie einlenkten.

Europa war plötzlich auf der Weltbühne zurück. Kraftvoll geeint, die Vereinten Staaten von Europa,  mit gemeinsamen Sozialsystemen und einheitlichen Regeln in ganz Europa.
Fachleute entwickelten langwierige Konzepte, um Gleichwertigkeit in Europa sicherzustellen und Europa exportierte dieses Erfolgsmodell in die Welt. Manche sprechen seitdem von Weltfrieden. 

Unsere Ernährung veränderte sich, wir konsumierten nur noch, was uns und den Planeten gut tat. Dies half uns, Wohlstandskrankheiten zu verhindern. Plötzlich gab es kaum noch Diabetes, Übergewicht, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Abgase in Städten waren Geschichte und wir merkten, wie schön saubere Luft ist. Schneller als wir dachten, fuhren nur noch vollautonome CO2 neutrale Autos über die Straßen. Umweltverbrechen stiegen von Kavaliersdelikt zum Schwerverbrechen auf, drakonische Strafen verfehlten ihre Wirkung nicht.
Auf einmal war es möglich, den Amazonas, sowie andere letzte Reservate der Natur von Nationalstaaten abzugrenzen und deren Schutz weltweit als Nationalparks-for-Future für alle Zeit zu kaufen, sowie diesen Gebieten mit automatischer Überwachung, Schutz zu garantieren.


Die Zivilisation machte ernst.

Wir hatten die Erde zugrunde gerichtet, natürliche Wald für Ackerflächen gerodet, um Futtermittel zu produzieren, für die Gegenwart – heute unvorstellbar.

Die Weltregierung sorgte für ein CO2 neutrales, rundum vernetztes Verkehrssystem. Die Fortbewegung ist nahtlos. Entscheidend ist nicht mehr womit, sondern wie schnell und effizient man ans Ziel kommen möchte. Anbieterübergreifend mit verschiedenen Verkehrsmitteln wird die schnellste, bequemste und ökologischste Route gefunden. Die Ki lässt aktuelle Verkehrssituationen in die Berechnung einfließen, ebenso die gewünschte Start- und Zielzeit am Endpunkt der Reise. Nachdem wir die großen Energiekonzerne enteignet hatten, ergab sich plötzlich die Möglichkeit, weltweit erneuerbare Energien zu installieren. Durch die Ki ist diese mittlerweile kostenlos und wir begannen langsam den Dreck der vergangenen Generationen aufzuräumen, CO2 mühselig einzufangen und zerstörte Landschaften wieder herzustellen.

Viele Menschen unterdrückten jahrzehntelang ihre Gefühle aus Angst oder des Friedens willen, trugen immer mehr Verbitterung und Groll mit sich herum, was die ganze Gesellschaft krank machte. Wir hatten uns nichts zu sagen, interessierten uns nicht füreinander, waren oberflächlich und unser sozialer Status war oberste Priorität. Wir wollten keine Veränderung, weil uns nur eigene Belange interessieren. Wir gingen nicht mehr in Vereine, engagierten uns nicht sozial, weil uns nichts wichtiger war, als wer der nächste Bachelor wird.
Unser Leben, unser Schutz, unser Geld – nach uns die Sintflut. Wir glaubten, das uns die ganze Sache nicht betrifft und glaubten ohne Schaden aus den Krisen kommen und waren die Ersten, die um Hilfe schrien, als die Tipping-Points kippten.

Viele Menschen entschlossen sich, sich von unnützen Ballast zu trennen; von materiellen Dingen, negativen Gedanken und zwischenmenschlichen Spannungen. Wir akzeptierten wieder, daran arbeiten zu müssen, das die Welt ein besserer Platz wird und dass es Allen gut geht. Den berühmten kleinen Schritt für einen selbst, aber den großen für die Menschheit.
Jeder sagte, er könne selbst nichts bewirken.

Die Jugend interessierte das nicht. Sie beschloss einfach die eigene Umwelt jeden Tag ein Stückchen besser zu machen. Die Leute sahen endlich wieder positiv in die Zukunft, als sie nicht mehr darüber nachdenken mussten, wie sie am Monatsende ihre Rechnungen bezahlen oder im Alter überleben können. Die Vorstellung, das der Menschen etwas dafür getan haben muss, dieses Geld zu bekommen, hielt lange an. Das Argument, dass Leute, die ein Grundeinkommen erhalten, aufhören würden zu arbeiten, griff wider aller Erwartungen nicht.
Die Leute nahmen nur nicht mehr jeden Job an, um zu überleben, sondern hatten stattdessen die Chance, sich in dem, was sie wirklich können, zu engagieren.

Die häufigste Frage: Und wer soll das bezahlen?

Die Antwort fällt einfach aus: Wir alle, die Steuern zahlen. Der konservative Beißreflex gegen Umverteilung wurde vom Zeitgeist, ebenso wie konservative Parteien, selbst geschluckt.
Die Zukunft war grün ökologisch, links, wissenschaftsbasiert und solidarisch. 
Das Konstrukt, das wir über Jahrhunderte sorgfältig gehegt haben, wird instabil, nichts, was früher selbstverständlich war, ist sicher. Die Erde kann gut ohne uns. Wir aber nicht ohne die Erde.

Aber Du und alle anderen, Ihr könnt der Welt helfen. Wir können die digitalen Technologien nutzen, um die Welt zu verbessern.

Noch hast Du Zeit es zu ändern, lieber Christoph.


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BRIEF AUS DER ZUKUNFT AN CHRISTOPH
Die aktuelle Krise lässt Zeit, uns selbst zu reflektieren, den aktuellen Lebensweg. Dabei in die Zukunft schweifen, um zu fragen, was würde unser Ich aus dem Jahre 2100 uns mitteilen, wenn es uns etwas ins Jahr 2020 schicken dürfte?
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