Es kann nur Einen geben

Die Erde hat Fieber!

Erderwärmung durch Wasserstoffimporte stoppen?

Vor der bedrohlichen Erderwärmung warnen extreme Stürme, ungebremste und weltweite Gletscherschmelze, jährlich steigende Hitzerekorde, flächendeckendes Waldsterben oder ständig steigende Meeresspiegel.
Die wissenschaftlich abgesicherte Leitplanke liegt hoch und die Botschaft ist unmissverständlich:
in der nächsten Dekade muss weltweit und gleichzeitig die Energieversorgung in allen Bereichen komplett auf erneuerbare Energien umgestellt sein.

Für Deutschland bedeutet dies:
– Ende der Blockade erneuerbare Energien und Stopp von Subventionierungen fossiler Brennstoffe
– jedes Jahr eine wirksame Effizienz- und CO2-Reduzierungsstrategie in allen Sektoren
– dezentrale Energieangebote organisieren nach der Energiezellenformel für ein energetisches Gleichgewicht: „Energetisches Angebot gleich Energetische Nachfrage“.
– einen jährlichen Zubau von mindestens 15 GW Solarstrom und 11 GW Windstrom.

Unzureichende Wasserstoffstrategie

Die Diskussion um Wasserstoff basiert auf falsche Prioritäten: zuerst muss die erneuerbare Energieerzeugung mit höchster Priorität ausgebaut werden. Danach steht grüner Wasserstoff für die Industrie in ausreichender Menge zur Verfügung.

Das im Sommer 2021 gültige Wasserstoffkonzept von Minister Altmaier ignoriert die Prioritätenreihenfolgen. Es soll irgendwann einmal mit 5 GW bunter (gleich nicht-grüner) RWE-Wasserstofferzeugung den Bedarf an industrieller Prozesswärme decken.
Für die deutsche Wasserstoffplanung der Bundesregierung trifft die Bezeichnung „Strategie zur Umsatzgenerierung in einigen Jahren“ für Thyssen, Salzgitter AG und RWE eher zu.
Der Weg dahin ist mehr Wunsch als konkrete Auflistung der notwendigen Maßnahmen, inklusive eines Masterplans mit Ausbauraten und CO2-Minderungspotentialen – pro Sektor und Jahr!
Auf der Bundespressekonferenz zur Vorstellung vom „Wasserstoffsubventionskonzept“ konnte der Vertreter des Wirtschaftsministeriums nicht darlegen, ob und wie viel grüner Wasserstoff zu welchem Zeitpunkt zur Verfügung steht.
Bis heute gibt es erhebliche Zweifel an der Durchsetzbarkeit der Strategie und wie damit die Pariser Klimaschutzziele eingehalten werden sollen.
Nach dem Urteil vom Bundesverfassungsgericht zum weiterhin unzureichenden Klimaschutzgesetz änderte die Bundesregierung ihre Ziele im Rekordtempo.
Damit werden aber weder nationale noch internationale Klimaschutzziele erreicht. Im neuen Klimaschutzgesetz fehlen weiterhin konkrete Maßnahmen und ein Umsetzungsplan. Nur einen Masterrahmenplan zu erstellen ist unbefriedigend und enttäuschend.

Sind Importe die Lösung?

Von der Bundesregierung gibt es kein belastbares Import-Konzept, sondern lediglich Absichtserklärungen. Die Energieimportquote für Öl, Erdgas und Kohle von ca. 70 % soll durch Importe von erneuerbaren Energien kompensiert werden.

Aufgrund besserer Sonneneinstrahlungswerte erzeugen Photovoltaikmodule in Marokko doppelt so viel Strom wie in Deutschland. Bis hierhin ist die Argumentation für Solarstrom nachvollziehbar.
Gegen erneuerbaren Strom oder Wasserstoffimporte aus Nordafrika sprechen zahlreiche Fakten:

1) Strom aus Photovoltaik
Umgerechnet in Gigawatt bedeutet 70 % Importquote, dass in Marokko Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von ca. 600 GW errichtet werden müssen.

Nach heutigen Kosten müssen die Investoren allein nur hierfür knapp 300 Milliarden Euro aufbringen.
Dazu kommen noch Wartungs- und Betriebskosten für die tägliche Reinigung der Modulgläser, Speicheranlagen vor Ort und der Aufbau einer Stromnetzleitung oder einer Pipeline bis zur Küste.
Die afrikanischen Länder benötigen aber ebenfalls erneuerbare Energien. Da die 600 GW nur Überschussenergie für den Export sein können, stellt sich zwingend die Frage, wieviel zusätzliche Investitionskosten und Gigawattstunden Marokko selbst benötigt, um eigene Klimaziele zu erreichen.
Eine Genehmigung für die Nutzung von ca. 1,3 % der Landfläche für Energieexport wird sich der afrikanische Staat sicher gut bezahlen lassen.

2) Wasserstoff aus Photovoltaikanlagen
Zur Wasserstoffherstellung muss Wasser durch hohen Energieeinsatz in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt werden. Dafür ist Süßwasser erforderlich, dass aber in Marokko absolute Mangelware ist.
Zwar gibt es Meerwasser-Entsalzungsanlagen, doch auch diese Technik benötigt reichlich Energie. Allein schon aus diesen zwei Aspekten ergeben sich zwei praktisch unlösbare Widersprüche:

a) Marokko leidet wie viele afrikanische Länder an Trinkwassermangel. Auch die Bewässerung von Felder ist unverzichtbar und für die Bevölkerung überlebensnotwendig. Wie sollen die Menschen vor Ort nachvollziehen, dass nicht zuerst der Durst gestillt wird? Stattdessen verschwenden die fremden Profiteure das kostbare Wasser für den Energieexport. Spannungen sind wohl unvermeidbar.

b) Es werden weitere Photovoltaikanlagen benötigt, die Strom für die Wassererzeugung liefern. Dieses Süßwasser spaltet der Strom in der zentralen Photovoltaikanlage dann in Wasserstoff um.
Für den Transport muss der Wasserstoff durch enorme Energiemengen stark abgekühlt werden. Dies senkt den Wirkungsgrad genauso, wie den nochmaligen Umwandlungsprozess von Wasserstoff in Methan.

3) politische Probleme bei Wasserstoffimporten
Greta Thunberg bewertete das Anfang 2020 vorgelegte EU-Klimaschutzgesetz so: “Dieses Gesetz stellt eine Kapitulation dar. Sie geben die Klimaschutzziele von Paris und die Absicht, die Welt zu retten, auf”.

Die Abgeordneten spendeten im überfülltem EU-Umweltausschuss stehend Beifall für die Greta-Rede. Einige hatten Tränen in den Augen. Das war vor der Coronakrise. Die Tränen sind getrocknet. Doch die EU-Gesetze reichen immer noch nicht aus. Auf Druck der fossilen Gaslobby will das EU-Parlament auch nicht-grünen Wasserstoff erlauben.

Die EU muss für Energietransit durch Stromtrassen oder Pipelines klare Prioritäten vorgeben. Portugal und Frankreich haben eine eigene Wasserstoffstrategie, Spanien noch nicht. Wie die anderen EU-Staaten beteiligt werden sollen ist unklar. Ob es eine klimaschutzrelevante EU-Lösung vor 2030 gibt ist unwahrscheinlich.
Wie der Eigen-Energiebedarf der afrikanischen Staaten trotzdem gedeckt wird, kann niemand genau vorhersagen. Durch den neokolonialen Herrschaftsanspruch der „Ersten Welt“ entstehen zusätzliche Konflikte vor Ort und gesellschaftliche Unruhe im Land.
Zu Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft leistete sich Minister Altmaier eine unverzeihliche Peinlichkeit . Er sagte im EU-Parlament sinngemäß übersetzt: “Im Rahmen des Green Deals brauchen wir mehr Gas aus der Sowjetunion”. Hintergrund ist wohl, dass der Wasserstoff aus Erdgas gewonnen werden soll. Dadurch sind die Klimaschutzziele niemals erreichbar und die politische Abhängigkeit zu Putins Gasgeschäft steigt weiter an.
Wer wie Altmaier:
– auf Windkraftgegnern (siehe auch Grafik) hört, anstatt auf die Argumente der Energiewendebefürworter.
– ein Kohleausstiegsgesetz verabschiedet, in dem neue Kohlekraftwerke in Betrieb gehen
– ein Gebäude-Energie-Gesetz (GEG) ohne brauchbare Integration von erneuerbaren Energien vorlegt braucht sich über negative Zubauraten von Solarenergie und Windkraft nicht zu wundern.
Ohne einen massiven und schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien fehlen den Unternehmen wichtige Planungsvorgaben und es besteht die Gefahr der De-Industrialisierung. Konjunktureinbrüche sind möglich, hohe Investitionssummen und Steigerung der Betriebskosten belasten die Unternehmen in naher Zukunft, beispielsweise durch das anziehende CO2-Steueraufkommen.
Wer jetzt nicht in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert und vernünftige Rahmenbedingungen vorgibt, zahlt später mindestens doppelt so viel, da die Zeit für die Umstellung immer kürzer wird.

Kapazitäten der Strom- und Gasnetze reichen nicht aus

Sobald der erneuerbare Strom oder Wasserstoff die Küste verlässt, entstehen technische, physikalische, wirtschaftliche, und politische Umsetzungsprobleme.

1) Stromleitungen
der Importstrom muss durch Gleichstrom-Hochspannungsleitungen über Spanien/Portugal und Frankreich nach Deutschland gelangen. Sicher werden Spanien, Portugal und Frankreich nicht tatenlos zusehen, dass Ökostrom ungenutzt durch ihre Länder fließen.
Damit 600 GW in Deutschland ankommen, muss entweder die Ausgangsleistung wegen der südlichen EU-Länder in Marokko mindestens verdreifacht werden – oder mehr Leitungen entstehen. Bei 600 GW sind dies über 100 Leitungen mit mehreren hunderttausend Hochspannungsmasten alle 300-500 Meter. Das wird nicht nur in Deutschland massiven Widerstand erzeugen.
Gemessen an den Planungszeiten von Südlink mit über 10 Milliarden Euro Investitionskosten, erheblichem Widerstand und inzwischen 15 Jahren Planungszeit für eine Leitung, ist der Hochspannungsbau für Importstrom quer durch Südeuropa absolut keine Alternative. Dazu kommt noch, dass am Ende der zahlreichen Leitungen der Gleichstrom wieder in Wechselstrom zurückverwandelt werden muss. Auch durch diesen weiteren Umwandlungsprozess entstehen erhebliche Verluste und Kosten.

2) Wasserstofftransport in Pipelines
mit einer Wasserstoffpipeline stellt sich das gleiche Problem wie bei Strommasten. Mindestens Spanien, Frankreich und Portugal werden sicherlich auch Anspruch auf Zugang zur Pipeline erheben.
Weder Forschungsergebnisse, Kosten, technische Umsetzbarkeit, Wirkungsgrad, Finanzierbarkeit politische und gesellschaftliche Akzeptanz einer solch langen Pipeline sind geklärt. Es existiert noch nicht einmal eine Prototypleitung, die Wasserstoff über 3.000 km transportiert.
In Erdgasnetzen sind nur wenige Prozentanteile Wasserstoff zumischbar, da die Technik der Endenergieabnehmer auf Gas ausgerichtet ist.

3) Nordstream 2
diese Pipeline aus Russland könnte technisch in eine Wasserstoffleitung umgewandelt werden. Derzeit sind aber weder Industrie noch Russland daran interessiert, grünen Wasserstoff herzustellen und diesen durch Nordstream 2 zu leiten.

4) Schiffe
innerhalb kürzester Zeit müssen mehrere hundert Schiffe für den Wasserstofftransport neu gebaut oder umgerüstet werden. Das gilt auch für Verladeterminals beim Be- und Entladen, Zum Transport wird der gasförmige Wasserstoff erst noch in einen transportfähigen Aggregatzustand umgewandelt und am Zielhafen wieder zurück in den gasförmigen Zustand.
Eine weitere Umwandlung von gasförmigem Wasserstoff in Strom bedeutet einen nicht mehr verantwortbaren Verlust an Wirkungsgrade, den kein Unternehmen verantworten wird.
Ein weiteres Problem ist die Logistik. Was passiert denn, wenn mehrere 100 Schiffe gleichzeitig laden/entladen wollen? Durch die hohe Zahl an Schiffen wird es bei der kleinsten Störung, wie nach der Suezkanal-Sperrung, ganz schnell zu Stauungen kommen.
So viele Terminals sind weder in Marokko noch an der deutschen Küste möglich, zumal ja der Weitertransport in das Landesinnere genauso wenig geregelt ist, wie die Energieabgabe an den Bundesländern, welche die innerdeutschen Pipelines/Stromtrassen betreiben oder den Energietransfer erlauben.
Die Schiffstechnik zur Beladung und die Antriebsart der Wasserstofftanker sind ebenfalls noch nicht thematisiert. Es gibt noch nicht einmal ein Prototyp, der alle Anforderung von einem sicheren und wirtschaftlich verantwortbaren Wasserstoff Transport erfüllt.

Deutschland kann sich selbst zu 100 % aus erneuerbaren Energien versorgen und bis 2030 die Zerstörung der Lebensbedingungen für nachfolgende Generationen verhindern.

Fazit:

Energie-Importe wird es weiter geben. Sie sollten aber aus wirtschaftlichen und geostrategischen Gründen die 20 %-Marke nicht übersteigen.

Eine hohe Quote von Wasserstoffimporten ist weder technisch, logistisch, wirtschaftlich noch politisch eine Alternative, um die Energieträger Öl/Gas/Kohle mit grünem Import-Wasserstoff innerhalb der nächsten Dekade zu ersetzen.
Daher kann die politische Entscheidung nur bedeuten:

Erneuerbare Energieerzeugung in Deutschland mit Hochdruck ausbauen und den Wasserstoff möglichst nahe an Windkraftanlagen und Solarparks erzeugen.

Wasserstoff ist zu 100 % grün und wird möglichst dezentral vor Ort erzeugt. Denn es gibt nur einen verantwortbaren Weg für die Herstellung von klimaschützendem Wasserstoff.

 


 

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Über Juergen Eiselt 8 Artikel
Klimaaktivist von Anfang an - erste Demo gegen Kohlekraftwerke schon Anfang der 1980er Jahre - Ausbildung: - Projektmanager für erneuerbare Energien, inklusive Energieberatungsausbildung - Berufserfahrungen: - Photovoltaikplanungen, Vertrieb und Energieberatungen vor Ort - Kommunikation: Energiefachbuchautor / Publizist - Vorträge und Präsentationen rund um Klimaschutz und erneuerbare Energien - Unterstützung von Umwelt- und Klimaschutzverbände