Atomkraft: Zweifelhafte Wiederbelebungsversuche

Atomenergie ist ein Relikt aus einer Zeit, als man kaum über die Sicherheit von Kernkraftwerken sprach. Was ist so schwer daran, zu sagen: Wir haben uns geirrt. Kernenergie ist zu teuer und zu unsicher.

Kernkraft Kernenergie

Ein Kommentar von Jürgen Voskuhl

Wem viele meiner Worte aus dem Teaser bekannt vorkommen, der täuscht sich nicht: Es geht hier um den Kommentar von Alan Posener in der Zeit vom 25. Dezember 2021.

Warum schreibe ich das so? Warum schreibe ich überhaupt diesen Beitrag? Ganz einfach: weil der vorgenannte Beitrag von Alan Posener Rosinenpickerei betreibt und Strohmann-Argumente bemüht.
Hier bedarf es unbedingt einer Ergänzung um weitere wichtige Fakten – die ich in diesem Beitrag nachreiche. Letztendlich, um das falsche Bild geradezurücken, welches der ursprüngliche Kommentar von Alan Posener zeichnet und die darauf basierenden falschen Schlüsse zu widerlegen.

Nur die halbe Wahrheit

Beispielsweise schreibt Posener, dass „die schwarz-gelbe Bundesregierung … den Atomausstieg verfügte … und Deutschland darum auf fossile Energieträger angewiesen bleibt“. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit!

Ein weiterer, wesentlicher Grund, warum wir immer noch auf fossile Energieträger angewiesen sind, ist die Verhinderungspolitik bezüglich des Ausbaus erneuerbarer Energien ab etwa 2010. Zunächst durch schwarz-gelb, anschließend von der Großen Koalition fortgeführt: da wurden Beschränkungen und Hürden in Gesetze eingebaut (allen voran im EEG), der jährliche Zubau wurde gedeckelt und komplexe Ausschreibungsverfahren eingeführt, die beispielsweise kleinen Energiegenossenschaften die Errichtung eines Windparks nahezu unmöglich machen. Oder die Errichtung, beziehungsweise der Betrieb einer Photovoltaikanlage zur Versorgung der im Haus wohnenden Mieter den Besitzer zum Stromanbieter gemäß Energiewirtschaftsgesetz mutieren lässt – mit allen Rechten und Pflichten (gleiches gilt für die Miteigentümer in einer  Wohnungseigentümergemeinschaft). 

Und nicht nur das:

Diese Politik hat inzwischen über 100.000 Arbeitsplätze gekostet!

Einzelheiten dazu kann man beispielsweise in diesem Beitrag nachlesen.

Mich macht das alles einfach nur fassungslos: Haben deutsche Politiker etwa kein Herz für deutsche Arbeitnehmer? Warum werden Konzerne gepampert und Oligarchen und Ölscheichs mit deutschem Geld finanziert, statt hierzulande einen Mehrwert zu schaffen, nämlich mehr Arbeitsplätze und lokale Wertschöpfung?

Noch mehr Störfeuer!

Den Grundstein zu diesem „Arbeiten gegen die Energiewende“ hat übrigens schwarz-gelb mit der Reform des EEG-Ausgleichsmechanismus mit Wirkung ab 1. Oktober 2010 gelegt. Dazu ein paar Worte aus der Kurzstudie zur historischen Entwicklung der EEG-Umlage vom Fraunhofer Institut für solare Energiesysteme aus dem Jahre 2014:

Die Reform des EEG-Ausgleichsmechanismus hin zu einer rein finanziellen Wälzung führte … zu einem Rückgang der Vermarktungserlöse für EEG-Strom von 5,15 Mrd. Euro in 2009 auf 3,35 Mrd. Euro in 2010 und aufgrund des Merit-Order Effektes seit 2011 zu einem deutlichen Rückgang der  Börsenstrompreise am Spotmarkt.

„Rückgang der Vermarktungserlöse“ und „Rückgang der Börsenstrompreise am Spotmarkt“: beides führte – zwangsläufig, vorhersehbar und somit gewollt –  zu einer stark steigenden EEG-Umlage, wie ich bereits an anderer Stelle aufgezeigt habe:

Entwicklung EEG-Umlage Anbieter-Erlöse

Eine weitere, wesentliche Rolle spielte auch die signifikante Ausweitung der Liste der energieintensiven Unternehmen. Hierbei handelt es sich um solche Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen und daher von Strompreiserhöhungen besonders betroffen wären. Aufgrund einer entsprechenden Regelung sind diese weitgehend von der Zahlung der EEG-Umlage befreit. Die Krux daran: die fehlenden Beiträge werden von den übrigen Stromkunden mit bezahlt.

Handelte es sich hier zu Beginn des Jahrtausends um lediglich 66 Unternehmen, waren es 2004 bereits fast 300 Unternehmen. 2014 waren es dann schon über 2.000(!) Unternehmen, die einen entsprechenden Antrag gestellt haben.

Erst die durch diese politisch gewollten Maßnahmen stark steigende EEG-Umlage ermöglichte die Kampagne der INSM und des RWI gegen die Förderung von Ökostroms, wie man auf Lobbypedia nachlesen kann.
Aber wer waren die Initiatoren dieser Kampagne und worum ging es dabei genau? Dazu schreibt Lobbypedia:

Die Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) betreibt eine Kampagne gegen die Förderung des Ökostroms durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Der INSM-Kuratoriumsvorsitzende Wolfgang Clement ist seit 2006 Aufsichtsratsmitglied der Braunkohle und Kernkraft produzierenden RWE Power AG. Die großen Energieversorger befürchten, dass die neuen Anbieter von Ökostrom ihr marktbeherrschendes Oligopol gefährden und insbesondere ihre Preiserhöhungsmöglichkeiten einschränken könnten.
Im Interesse der Absicherung ihrer Marktstellung werden deshalb die Kosten der Energiewende übertrieben, der Ausbau der Netze hinausgezögert und der Ersatz der EEG-Umlage durch ein Quotenmodell gefordert, das den etablierten Energieformen zugute käme.

Atomkraft wenigstens als Brückentechnologie?

Doch kehren wir nach diesem kleinen Ausflug in die Welt des EEG wieder zu Poseners Beitrag zurück. Und zwar an die Stelle, wo er Atomkraft als Brückentechnologie vorschlägt, also konkret eine Laufzeitverlängerung  fordert. Das ist zu diesem Zeitpunkt ziemlich billiger „Mut“, da es von Vorneherein völlig unrealistisch ist. Sämtliche Betreiber haben zu diesem Ansinnen bereits mehrfach eine klare Aussage gemacht: „ Die Kernkraft in Deutschland hat sich erledigt!“ (zum Beispiel hier, hier und hier).

Abgesehen davon: Auf den ersten Blick mag es ja sogar logischer erscheinen, wegen der Emissionen zuerst aus der Kohle und erst danach aus der Kernkraft auszusteigen – wenn da nicht „Black Swan“-Ereignisse wie Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima und viele weitere wären!

Der Wissenschaftler Nassim Nicholas Taleb beschreibt in seinem gleichnamigen Buch einen „Black Swan“ als ein Ereignis, das:

  • eine Überraschung (für den Beobachter), ein „extremer Ausreißer“ ist
  • eine große Auswirkung hat
  • im Nachhinein rationalisiert wird, als ob es zu erwarten gewesen wäre

Dieses Rationalisieren vergangener Großereignisse im Zusammenhang mit Atomkraft ist bereits passiert. Denn sonst könnte niemand seriös pro Atomkraft argumentieren. Aber lassen wir das mal außer Acht.

Wenn die Kritiker des Atomausstiegs heute lieber erst Kohlekraftwerke und danach die Atomkraftwerke abschalten wollen, stellt sich mir sofort die Frage, wo denn diese Kritiker am 30. Juni 2011 waren, als der Atomausstieg mit einer überwältigenden Mehrheit (513 Abgeordnete von CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen stimmten dafür, dagegen votierten 79 Abgeordnete bei 8 Enthaltungen) beschlossen wurde?

Wo waren Sie zwischen dem 12. Dezember 2015 (Unterzeichnung des Klimaabkommens der Vereinten Nationen in Paris) und dem 21., beziehungsweise 22. September 2016, als der Deutsche Bundestag den Gesetzentwurf zur Ratifizierung des Pariser Abkommens einstimmig angenommen hat?

Erst Mitte 2020 mit der Argumentation „Atomkraft statt Kohle – wegen dem Klimaschutz“ um die Ecke zu kommen, wie es die Initiative #SaveGer6 getan hat oder gar eine Woche vor der Abschaltung der Hälfte der verbliebenen deutschen Atommeiler wie es Alan Posener tut, ist schon sehr infantil, wie ich nachfolgend aufzeigen werde.

Der Point of no Return

Jeder Flieger kennt den „Point of no Return“: Auf einer Startbahn gibt es einen Punkt, nach dessen Überschreiten der Start nicht mehr abgebrochen werden kann, weil die verbleibende Startbahnlänge nicht mehr ausreicht, das Flugzeug sicher abzubremsen. Es muss gestartet und gegebenenfalls eine Notlandung versucht werden.

Dieser Punkt war Mitte 2020 hinsichtlich des deutschen Atomausstiegs längst überschritten. Angefangen von den gesellschaftlichen und politischen Implikationen (Überzeugen der Öffentlichkeit und organisieren von Mehrheiten im Bundestag) bis zur zwingend erforderlichen Änderung des Atomgesetzes (ATG): solche Prozesse benötigen Zeit.

Auch die Betreiber hatten sich bereits deutlich vor Mitte 2020 entsprechend eingerichtet und keine Mitarbeiter mehr aus- oder weitergebildet. Es wurden auch keine Brennelemente mehr bestellt – ein Prozess, bei dem zwischen Bestellung und Lieferung gerne mal 18 bis 24 Monate vergehen (s. Table 5.3. Fuel cycle data). Folgerichtig haben die Betreiber einer Laufzeitverlängerung bereits Mitte 2019 eine Absage erteilt – möglicherweise auch in Erwartung einer Abfindung in Milliardenhöhe.

Im Falle einer Laufzeitverlängerung zugunsten einer früheren Abschaltung von Kohlekraftwerken müsste die Politik zwangsläufig das Anfang Juli 2020 beschlossene Kohleausstiegsgesetz nochmal anfassen, welches den Braunkohleunternehmen eine Entschädigung in Höhe von 4,35 Milliarden Euro zusichert.
Man darf daher getrost davon ausgehen, dass keiner der beteiligten Protagonisten irgendein Interesse daran hat.

Momentaufnahmen vs. „Das große Ganze“

Amüsiert hat mich dann Poseners Blick auf Electricity Map und die von ihm angegebenen Zahlen. Das Portal liefert lediglich eine Momentaufnahme der Stromerzeugung.
Einen deutlich besseren Überblick bietet eine Betrachtung der Jahresproduktion, wie man Sie beispielsweise auf Energy Charts findet:

Energy Charts
Screenshot „Energy Charts“

Es ist unschwer zu erkennen, dass nahezu die Hälfte der öffentlichen Nettostromerzeugung in diesem Jahr aus regenerativen Energien stammt. Und wenn man sich die Entwicklung über die vergangenen Jahre anschaut, kann auch keinerlei Zweifel daran bestehen, dass der Anteil durch zunehmenden Ausbau von Photovoltaik, Windenergieanlagen und anderen Technologien zur Nutzung regenerativer Energien größer werden wird – sofern die Politik das zulässt, bestenfalls sogar fördert. Der Koalitionsvertrag der Ampel klingt da jedenfalls vielversprechend.

Jährlicher Anteil Erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland 2002 – 2021

Electricity Map wird auch von Kernkraftfans gerne genutzt

Aber warum hat mich Alan Poseners Verweis auf Electricity Map amüsiert? Weil auch Mitglieder und Anhänger von Pro-Atomkraft-Vereinen wie Nuklearia oder Ökomoderne gerne und oft das Electricity Map Portal nutzen, um öffentlich darauf hinzuweisen, wie „grün“ doch die französische Stromproduktion gerade wieder ist und wie „braun“ (d.h. hoher CO₂-Anteil) die deutsche.

Electricity Map
Screenshot „Electricity Map“

Gerne vergessen wird dabei zu erwähnen, dass Deutschland aufgrund der maroden und störanfälligen französischen Kernkraftwerke beispielsweise in der gesamten Kalenderwoche 51/2021 Strom nach Frankreich geliefert hat, meist zwischen 2 und 4 Gigawatt, in der Spitze 7 Gigawatt. Strom, für den deutsche Kohlekraftwerke laufen müssen und (nicht nur) CO₂-Emissionen in die Luft blasen.

Allein für den Monat Dezember ergibt sich dadurch bis heute ein Exportüberschuss nach Frankreich von weit über 500 GWh.

Transmutation und SMRs

Nun wird es bei Alan Posener so richtig abenteuerlich. Hier der entsprechende Ausschnitt aus seinem Kommentar:

Ein klassisches Strohmann-Argument! Denn wer behauptet denn bitte, kleine AKW, also sogenannte SMRs herzustellen sei „nicht möglich“? Meines Wissens niemand.

Der Punkt ist: die genannten Lösungen existieren heute lediglich auf dem Papier. Böse Zungen sprechen gar von Powerpoint-Reaktoren. Eine Lösung, die bisher nur auf dem Papier existiert und frühestens in 8 oder 10 Jahren verfügbar ist – magisches Denken at it’s bes!!
Die Klimakrise lässt uns aber diese Zeit leider nicht:

Wir müssen möglichst schnell möglichst viele Emissionen reduzieren, und das in allen Sektoren. Das geht am besten mit einem zügigen Ausbau erneuerbarer Energien und Beschleunigung der Sektorenkopplung.

Follow the Science?

Alan Posener stellt in Abrede, dass Die Grünen der Wissenschaft folgen, und zwar aus ideologischen Gründen. Mein Vorschlag an ihn: Einfach mal zur Kenntnis nehmen, dass es innerhalb der Wissenschaft durchaus unterschiedliche Positionen zum Thema gibt. So postulieren die Deutschen Scientists for Future etwa: 

„Zur Lösung der Klimakrise kann die Kernenergie nicht beitragen, da sie zu langsam ausbaufähig, zu teuer und zu risikoreich ist. Zudem behindert sie strukturell den Ausbau der Erneuerbaren Energien, die gegenüber der Kernkraft schneller verfügbar, kostengünstiger und ungefährlich sind.”

Auch der österreichische Ableger, die Scientists for Future Austria, kommen zu einem ähnlichen Ergebnis, wie man auf deren Blog nachlesen kann:

„Kernenergie entspricht nicht den Kriterien der Taxonomie-Verordnung und kann damit nicht als nachhaltig bezeichnet werden. Sie ist auch keine brauchbare Übergangs- und Überbrückungstechnologie.”

Gerne wird an der Stelle auch behauptet, dass der Weltklimarat (IPCC) sagt: „es geht nicht ohne Kernkraft“. Auch das ist nicht richtig.

Abgesehen von der Tatsache, dass sich das aus keinem IPCC-Dokument ableiten lässt, sagte der Präsident des IPCC 2019 in seiner Rede im Rahmen einer Veranstaltung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO):

Es liegt auf der Hand, dass der 1,5-Grad-Pfad mit allem vereinbar ist, von vernachlässigbarer Kernenergie bis hin zu einer Verzehnfachung der Kernenergie in den nächsten drei Jahrzehnten.

Mein Fazit: Ein weiterer Wiederbelebungsversuch

Alan Poseners Beitrag ist also unter dem Strich nichts anderes als ein weiterer, viel zu spät kommender Versuch, die verbliebenen deutschen Meiler am Leben zu erhalten und Investitionen für eine strahlende (pun intended) Zukunft in Deutschland zu fordern.

Wie so oft, wird auch in diesem Fall ein Teil der Wahrheit verschwiegen oder es werden Forderungen widerlegt, die überhaupt niemand aufgestellt hat.

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Über Jürgen Voskuhl 6 Artikel
Im 1. Leben Techn. Zeichner (Hzg./Lüftung) gelernt; danach Programmierer, viele Jahre in der Gebäudeautomation, insbesondere Computersystemvalidierung (pharm. Industrie/Medizinprodukte) tätig gewesen; Selbstständig gemacht im Bereich Telekommunikation & Internet, heute IT-Beratung und Web-Design