Der erste Autogipfel der Ampel: Fahren Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen

Gastartikel von Joshua Ben

Am 10 Januar fand das 1. Spitzengespräch der Strategieplattform Transformation der Automobil- und Mobilitätswirtschaft (STAM) unter Leitung von Bundeskanzler Olaf Scholz statt.

Okay… dass wir’s verkacken werden, wissen wir nicht erst seit wir Schnee mit dem Hubschrauber transportieren – Veränderungen sind halt nicht so unser Ding. Den Ski-Urlaub in einen Wanderurlaub verwandeln, wenn kein Schnee liegt? So sind wir Menschen ja nicht. Wenn wir einen Ski-Urlaub gebucht haben, dann hat gefälligst auch Schnee zu liegen. Und wenn die Natur sich dazu entschieden hat, uns einen Streich zu spielen… dann wird die Natur schon sehen, was sie davon hat.

So ähnlich gehen wir in Deutschland auch die Mobilitätswende an.

Wie wär’s, wenn wir Mobilität mal grundlegend neu denken… und den Verkehr und unsere Städte so umgestalten, dass wir sie wieder für Menschen und nicht für Autos bauen? Um Himmels Willen – dann müssten wir doch Straßen zurückbauen, Parkplätze anders nutzen, Grünflächen und Flusslandschaften gestalten, Genderaspekte bei der Mobilität berücksichtigen und…

Wie bitte? Was?! Genderaspekte?🤬!☠️ Da bin ich nun wirklich aus. Ich glaub es hackt. Offensichtlich ist die „Debatte über Mobilität viel zu stark ideologisch aufgeladen“. Da braucht es unbedingt mal ein Spitzengespräch, um sachlich über Mobilität zu sprechen.

Dass zum besagten Spitzengespräch die falschen Leute eingeladen wurden, wird in den sozialen Medien mittlerweile ausreichend diskutiert. Aber wen müsste man stattdessen an einen großen Tisch bringen, um all die Bereiche, die unsere Mobilität maßgeblich beeinflussen, in einer Weise zu besprechen, dass auch etwas Vernünftiges dabei herauskommt?

Wie es läuft…

Das folgende Bild ist einem Artikel des VDI aus dem Jahre 2021 entnommen.

Sich überlappende mehrspurige Straßen zwischen HochhäusernDer Artikel war überschrieben: „Mobilität der Zukunft – Technologieoffenheit und Akzeptanz sind der Schlüssel

Tja… was soll ich sagen?… genau das sind nicht die Schlüssel. Denn auch wenn das Bild seinerzeit unglücklich zur Illustration des Artikels gewählt sein mochte, symbolisiert es doch genau jene Zukunft, die in derartigen Spitzengesprächen immer wieder thematisiert wird. Ganz ehrlich… in so einer Stadt möchte ich nicht wohnen.

Aber so wird’s diskutiert: Jetzt haben wir all die Straßen, Brücken und Autobahnen gebaut; jetzt haben wir die Einkaufszentren und Supermärkte so platziert, dass sie ideal mit dem Auto zu erreichen sind; jetzt haben wir uns an Lieferdienste gewöhnt, die unsere Konsumgüter bis zur Haustür bringen; jetzt haben wir soooo viel Geld für die Autoinfrastruktur ausgegeben – jetzt müssen wir’s auch durchziehen.

Außerdem… die Arbeitsplätze. Ernsthaft?

Wie es laufen sollte…

Wollte man tatsächlich eine Mobilitätswende der Zukunft gestalten, würde man weder Automobilfirmen noch die Fahrradindustrie einladen. Man würde nicht mit Herstellern von Zügen oder Straßenbahnen sprechen und auch nicht mit Verkehrsbetrieben. Das käme alles viel später.

Zunächst würde man mit Stadtforscher:innen und Raumplaner:innen reden. Man würde mit Soziolog:innen und Stadtentwicklungsplaner:innen sprechen. Die wiederum hätten zuvor mit den Einwohner:innen gesprochen, wie sie sich ihre Stadt eigentlich wünschen. Klar – das haben die alles schon gemacht.  Übrigens ist dabei auch heraus gekommen, dass Mobilität tatsächlich genderabhängig ist.

Oh Wunder – bei den Befragungen kommt wirklich niemals heraus, dass sich die Menschen eine autofreundliche Stadt wünschen. Die wünschen sich ganz andere Dinge; fügen dann aber meist desillusioniert an: „Aber ohne Auto geht’s halt nicht mehr.“

Das ginge schon. Aber man müsste konsequent umdenken. Um sich diesbezüglich inspirieren zu lassen, würde man mit Vertreter:innen von Städten sprechen, bei denen ein solches Umdenken stattgefunden hat. Weil die Bürger:innen es so wollten:

Beispiel Utrecht. Auch Utrecht wäre fast eine Autostadt geworden – bis die Bewohner:innen dagegen protestierten. Utrecht wurde in 2022 von vielen Medien als leuchtendes Beispiel genannt, weil die Stadt es in gerade einmal 10 Jahren geschafft hatte, eine radikal andere Verkehrspolitik umzusetzen. Dabei wird übersehen, dass Mobilität etwas anderes ist als Verkehr. Mobilität beginnt nämlich im Kopf.

Tja… und da sind wir wieder beim Ausgangsproblem. Die Bewohner:innen Utrechts haben es geschafft, ihre (Verkehrs-)Politiker:innen zum Umdenken zu bringen, in anderen niederländischen Städten hat das längst nicht so gut geklappt.

Erst wenn man sich darauf verständigt hat, wie man zukünftig in seiner Stadt leben möchte, kann man sich anschließend über die Technologien unterhalten, die bei der Erreichung des Zieles behilflich sein können.

Und in Deutschland? Werden wir sicherlich in Kürze wieder über Flugtaxis diskutieren… und über Hubschrauber, die E-Fuels zu unseren Tankstellen transportieren, weil die LKW im Stau steckengeblieben sind.

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