Die Mobilität der Zukunft

Eine Kurzgeschichte

Mobility as a Service

Mein Handy vor mir auf dem Küchentisch vibriert und der Bildschirm geht an. „Ihr Fahrzeug kommt in zwei Minuten“ lese ich auf dem Display. Mist, ich habe noch nicht fertig gefrühstückt. Als ich nach dem Aufstehen mit der MaaS-App meine Fahrt zu dem Termin in Frankfurt angefordert hatte, hatte ich nur die pünktliche Ankunftszeit im Blick, nicht aber, dass ich mich dann beeilen muss, um rechtzeitig fertig zu werden. Ich werfe einen Blick auf das Display, diesmal würde es 10ct pro Minute kosten, die das Auto auf mich wartet – offenbar wird es noch von anderen Fahrgästen benötigt. Aber was solls, ich schnappe mein halbgegessenes Brötchen, meinen Laptop und meine Jacke und gehe die Treppe runter.

Ich bin trotzdem froh, dass wir unser eigenes Auto abgeschafft haben, schon alleine deswegen weil sich die fünf Mietparteien im Haus nicht mehr um die drei Stellplätze streiten und auf der Straße viel mehr Platz ist, weil nicht alles zugeparkt ist. Als ich unten vor die Tür trete, kommt mit einem leisen Surren ein Auto um die Ecke und gleichzeitig piept mein Handy. „Ihr Fahrzeug ist da“ sagt eine Frauenstimme aus dem Handy-Lautsprecher, die mich immer ein bisschen an den Bordcomputer von StarTrek erinnert. Das Auto selbst übrigens auch.

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Renault,_Paris_Motor_Show_2018,_Paris_(1Y7A0584).jpg
Studie von Renault für ein Fahrzeug der Autonomiestufe 4

In der Anfangsphase sahen die eAutos wie ganz normale Verbrenner-Fahrzeuge aus, aber seit sie vollautonom unterwegs sind, gab das wegfallende Lenkrad und der fehlende Motorblock den Designern ganz neue Möglichkeiten. Das Fahrzeug ist größer als erwartet – normalerweise kommt um diese Zeit immer ein Mikromobil mit nur einem Sitzplatz, aber heute hat es vier. Vielleicht hätte ich doch die Option „Bequem“ wählen sollen, aber es wäre teurer geworden und heute ist mir wichtig, dass ich pünktlich bin, daher hatte ich auf „Schnell“ getippt.

Mobility as a Service App (Mockup)
Mockup einer Mobility-as-a-Service-App („MaaS“)

Außerdem ist es meist ganz nett, mit einem Mitfahrer zu plaudern. Schlimmstenfalls schweigen wir uns an, denn das Innere der Fahrzeuge wird auf Video aufgezeichnet, und wenn sich jemand daneben benimmt, kann eine Woche lang vom Anbieter oder der Polizei die Aufzeichnung eingesehen werden, bevor sie automatisch gelöscht wird. Anfangs gab es riesige Debatten um diese Praxis und die Datensicherheit, aber nachdem die ersten Mobilitätsfirmen ihren Betrieb wegen Vandalismus wieder hatten einstellen müssen, hatte sich das Verfahren durchgesetzt.

Noch ist das Auto leer und ich setze mich vorne hin. Nachdem ich mich angeschnallt habe, setzt es sich mit einem Surren in Bewegung. Zwei Kreuzungen weiter biegt es plötzlich rechts ab – eigentlich geht es zur A5 weiter geradeaus. Wahrscheinlich nimmt es einen Mitfahrer auf – die Route wird immer so optimiert, dass das jeweilige Fahrzeug möglichst optimal ausgelastet ist. Derartige Mitfahrer-Apps gibt es schon seit 2010, aber jetzt sind diese Algorithmen Teil der automatischen Routenplanung der Fahrzeuge. Hinzugekommen ist auch, dass je nach Bedarf auf einer Strecke unterschiedliche Fahrzeuge eingesetzt werden – und als wir halten sehe ich, warum das Auto ein Viersitzer ist: Ein Mann und eine Frau steigen hinten ein.

Kurz nachdem wir auf der B3 angekommen sind, meldet sich der Bordcomputer: „In einem Kilometer können Sie in ein größeres Fahrzeug umsteigen. Falls Sie nicht umsteigen möchten, berechnen wir einen Zuschlag von 10ct pro Kilometer“. Meine Mitfahrer melden sich: „Umsteigen“ sagt die Frau, und kurz darauf halten wir auf einem kleinen Parkplatz. Ich schaue auf mein Handy. „Ihr Anschluss kommt in 3 Minuten“ lese ich. Außerdem wird die voraussichtliche Ankunftszeit in Frankfurt angezeigt, und ich sehe, dass ich immer noch genug Zeit habe, also steige ich ebenfalls aus.

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Platooning_Back_022414_Final_noTpye.jpg
Platooning – Kommunikation der Fahrzeuge untereinander zur Optimierung der Verkehrsdichte

Durch die Nutzung des jeweils besten Fahrzeugs für jeden Streckenabschnitt und die Kommunikation der Fahrzeuge untereinander ist die Auslastung der Straßen gesunken, so dass es fast keine Staus mehr gibt. Meist wird die Ankunftszeit durch die App schon von vorneherein entsprechend dem Verkehrsaufkommen berechnet, so dass man zwar manchmal früher los muss, aber nicht zu spät kommt; aber natürlich kann man auch spontan ein Fahrzeug rufen. Unvorhergesehene Stockungen treten eigentlich nur noch durch die wenigen Individualfahrzeuge auf oder durch eine Panne – das kommt aber so gut wie nie vor. Eigentlich ist es ziemlich spannend, auf welchem Weg mich die App jeweils transportiert – selbst wenn Anfang und Ende gleich sind, kann es passieren, dass mich das Auto einmal zum Zug fährt, und ein andermal direkt zum Ziel bringt.

Unser Auto ist schon wieder weggefahren, da hält diesmal ein Bus neben uns auf dem Parkplatz und die Türen öffnen sich zischend. Wir steigen ein und da meine App sagt, dass der Bus bis nach Frankfurt fährt, hole ich noch ein bisschen Schlaf nach. Sie wird mich rechtzeitig wecken, damit ich irgendwo in der Stadt in eine Straßenbahn oder ein anderes Auto umsteige, oder (da ich bei der Buchung angegeben hatte, dass ich alleine und ohne Gepäck unterwegs bin) vielleicht sogar auf ein Miet-Fahrrad steige – das kommt häufiger vor, wenn ich die dritte der Buchungsoptionen wähle: „Günstig“.

Ich muss grinsen als ich daran denke, was es früher immer für ein Stress war, einen Parkplatz zu finden – seit die Mobilitätsdienste flächendeckend verfügbar sind und sich endlich auf Programmier-Standards geeinigt hatten, mit denen sie sich untereinander koordinieren, kommt man überall hin ohne sich um Aufladen, Parkplätze oder Reparaturen kümmern zu müssen. Sogar Großeinkäufe kann man machen, wenn man angibt, dass man auf der Rückfahrt Gepäck hat. Und durch die optimierte Auslastung der Fahrzeuge ist es außerdem billiger als früher mit dem eigenen Auto, vor allem wenn man ein bisschen flexibel ist, denn der Fahrtpreis wird immer dynamisch nach den tatsächlich benutzten Verkehrsmitteln berechnet. Und billiger als ganz früher mit dem Verbrenner ist es sowieso.

Sämtliche hier dargestellten Technologien sind entweder bereits verfügbar oder in der Entwicklung. Der entscheidende Schritt für die Realisierung ist die Zulassung von Fahrzeugen des Autonomisierungsgrades 5 – und die ersten dieser Fahrzeuge sind bereits unterwegs.

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Über Thomas Rinneberg 3 Artikel
Diplom-Technomathematiker; Software-Architekt