Behauptungen zur Windkraft – Landschaftsbild

Historische Windmühlen

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über alle Behauptungen zur Windenergie.

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Behauptung

Die Windräder zerstören die Landschaft. Es sind riesige hässliche Industrieanlagen, die weithin sichtbar sind und ganze Landstriche verspargeln.

Diskussion

Begriff „Landschaftsbild“

Von all den Argumenten gegen Windkraft ist die Sichtbarkeit der Anlagen wohl das einzige, welches nicht zu großen Teilen auf Falschinformationen beruht, denn die Windräder sind ganz offensichtlich weithin sichtbar – bei einer ebenen Landschaft beginnt erst bei einer Entfernung von 42 km der Rotor einer 230m hohen Anlage hinter dem Horizont zu verschwinden. (1)

Um zu beurteilen, ob die Landschaft durch diese Sichtbarkeit „zerstört“ wird, müssen wir uns erst einmal darauf einigen, wie „Landschaftsbild“ überhaupt definiert ist. Denn tatsächlich wird sowohl im § 1, Absatz 1, Ziffer 3 des Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) wie auch im § 35, Absatz 3, Ziffer 5 BauGB das Landschaftsbild als Schutzgut anerkannt. Allerdings finden wir hier wie dort keine eindeutige Definition, sondern es wird von Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Natur und Landschaft gesprochen. In der Praxis wird versucht, die Begriffe Vielfalt und Eigenart genauer zu definieren – wobei zur Eigenart sowohl natürliche als auch menschengemachte Elemente gehören, welche als Teil der Landschaft und nicht als störend wahrgenommen werden und somit schützenswert sind. (2) (3)

Sehgewohnheiten

Beispielsweise werden historische Windmühlen als Teil der Landschaft gesehen – dies war aber nicht immer so. Zur Zeit ihrer Errichtung wurden sie mitverantwortlich gemacht für den Niedergang des niedrigen Adelsstandes in Spanien – heute würde man sagen, der Mittelschicht – den Miguel de Cervantes in der Gestalt des Don Quijote unsterblich machte. (4) (5) Der Mensch hat schon immer massiv in die Landschaft eingegriffen und sie so einer ständigen Veränderung unterworfen. Im 16. Jahrhundert gab es schätzungsweise 200.000 Windmühlen in Deutschland (2) – was als Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt begann, muss irgendwann ein vollkommen alltäglicher Anblick gewesen sein und ist inzwischen ein schützenswertes landschaftsästhetisches Kulturgut geworden.

Dass diese Entwicklung auch bei den modernen Windmühlen stattfindet, zeigen verschiedene Befragungen, welche ihre Ergebnisse nach Altersgruppen unterteilen – je jünger die Befragten, desto eher akzeptieren sie Windräder als Teil der Landschaft. (6) (7)

Akzeptanz von WEA nach Alter der Befragten
Abbildung 1: Ablehnung von Windenergieanlagen in der Eifel nach Alter der Befragten (7)

Auch ist auffällig, dass Windenergieanlagen an Nord- und Ostsee, wo sie schon länger Teil der Landschaft sind, sehr viel höhere Akzeptanz unter Touristen erfahren als an anderen Orten in Deutschland, an denen es sie noch nicht so lange gibt. (8) (6).

Schönheit und Heimat

Der dritte Begriff zur Bestimmung des Landschaftsbildes – Schönheit – ist noch schwerer zu fassen als die anderen beiden, und wird deshalb bei der Bewertung von konkreten Standorten oft weggelassen. Denn Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Selbst der Anblick der Alpen und sogar der Wald wurde früher als bedrohlich und unangenehm empfunden (6), ist aber heute Inbegriff der Romantik und besonders schön und erhaben. Auch Industrielandschaften werden inzwischen anders wahrgenommen als zur Zeit ihres Baus – denn das Arbeiterleben wird verklärt und als Teil der Heimat wahrgenommen (6) – man denke nur an das Loblied auf „Bochum“ von Herbert Grönemeyer (9).

Wir können also schlussfolgern, dass Menschen das als schön empfinden, was sie kennen – was sie als Heimat definieren. Heimat muss nicht objektiv schön sein, sie darf sich nur nicht ändern. (6) Dies erklärt auch den größeren Widerstand vor allem älterer und konservativer Menschen gegen die rapiden Veränderungen im Landschaftsbild, die die Windenergieanlagen mit sich bringen, denn sie haben noch die Erinnerung an Früher, welche positiv besetzt ist, und haben daher Angst vor der Veränderung ihrer Heimat.

Berücksichtigung im Genehmigungsverfahren

Das Bundesimmissionsschutzgesetz nimmt auf diese Gefühle Rücksicht – allerdings nicht vollumfänglich und nicht einheitlich. Die Schwammigkeit des Begriffs Landschaftsbild und die unterschiedlichen Vorgaben in verschiedenen Bundesländern sowie die oft mangelnde Partizipation der Bevölkerung sorgen für Konflikte. (10) Es wird versucht, diesen Konflikten entgegenzutreten, indem die Bevölkerung in Planung und Wohlfahrtswirkungen eingebunden wird (11) (siehe auch Bürgerbeteiligung), durch exakte Simulation und Berücksichtigung von konkreten Sichtbeziehungen zu Denkmälern oder anderen relevanten Landschaftselementen (6), aber auch durch detaillierte anlassunabhängige Bewertungen des Landschaftsbildes z.B. in Baden-Württemberg (Abbildung 2)

Landschaftsbildqualität Baden-Württemberg
Abbildung 2: Karte der Landschaftsbildqualität für Baden-Württemberg. 0 bedeutet eine niedrige, 10 eine hohe Landschaftsbildqualität (6)

Andere europäische Länder gehen bei der Partizipation der Bevölkerung und der Berücksichtigung des Landschaftsbilds allerdings weiter als Deutschland (10), und künstlerisch-gestalterische Ansätze zur Integration der Anlagen spielen bisher nirgends eine Rolle, außerdem stellen hierbei auch gesetzliche Anforderungen eine Herausforderung dar (Abbildung 3).

Bemalte Windmühlen (Fotomontage)
Abbildung 3: Bemalte Windräder (Fotomontage)

Abstände

Eigentlich leisten wir uns einen außerordentlichen Luxus, wenn wir auf die optischen Veränderungen der Landschaft bei der Errichtung von überlebensnotwendigen Bauten wie Windenergieanlagen überhaupt Rücksicht nehmen – dies ist in der Geschichte der Menschheit einmalig. In jedem Fall kann diese Rücksichtnahme allerdings nicht in der Forderung nach pauschalen Mindestabständen bestehen – durch die 10H-Regel in Bayern (Abstand einer Anlage zur Wohnbebauung muss die zehnfache Höhe der Anlage betragen) ist der Ausbau der Windenergie dort faktisch zum Erliegen gekommen (12) und auch ein Mindestabstand von 1000 Metern zur jeder Siedlung mit mindestens 5 Häusern, wie sie von Wirtschaftsminister Altmaier vorgeschlagen wurde, würde kaum noch Orte in Deutschland für Windenergieanlagen übrig lassen (Abbildung 4, vgl. auch die Windkarte im Artikel Bilanzielle Ineffizienz)

Ausschlussgebiete 1000m um 10 Einwohner
Abbildung 4: Ausschlussgebiete von 1000m um Siedlungen mit je 10 Einwohnern (13)

Unbegründete Ängste

Zuletzt muss man auch festhalten, dass viele Ängste vor der Veränderung des Landschaftsbildes unbegründet sind – hervorgerufen durch schlecht gemachte oder sogar absichtlich verfälschende Bildmontagen von Bürgerinitiativen (siehe Abbildung 5), welche die Anlagen zu groß oder falsch platziert zeigen und auch nicht berücksichtigen, dass sie bei vielen Wetterverhältnissen (Dunst, Nebel, Regen, Schneefall, Bewölkung) nicht oder nicht deutlich zu sehen sind (2), oder dass sie von vielen Orten aus, an denen sich die Menschen meistens aufhalten, nicht oder nicht vollständig zu sehen sind (verdeckt von Häusern oder Bäumen oder aufgrund der Topologie nicht sichtbar).

Bildmontage von WEA
Abbildung 5: Bildmontage einer Bürgerinitiative und einer professionellen Firma (14)

Fazit

Viele Menschen fürchten sich vor Veränderung. Die Dinge sollen so bleiben wie sie schon immer waren – und Windenergieanlagen sind anders. Dies kann für manche Menschen unerträglich sein – obwohl in der Realität die Veränderung oft viel weniger schlimm ausfällt als vorher befürchtet und von Bürgerinitiativen dargestellt wurde. Diese Ängste offensiv aufzugreifen und ihnen sachlich korrekt zu begegnen wurde in Deutschland in der Vergangenheit oft vernachlässigt, wird aber immer mehr Teil des Dialogs vor der Errichtung von Anlagen.

Quellen

  1. Rinneberg, Thomas. Entfernungen von Windkraftanlagen. [Online] : ee mag – Das Magazin der Europäischen Energiewende, 23.3.2020. https://energiewende.eu/die-gegner-die-bevoelkerung-waere-geschlossen-gegen-windenergie.
  2. Ratzbor, Günter. Grundlagenarbeit für eine Informationskampagne „Umwelt- und naturverträgliche Windenergienutzung in Deutschland (onshore)”, Analyseteil. Lehrte : Dachverband der deutschen Natur- und Umweltschutzverbände (DNR) e.V., 30.3.2012. https://www.lubw.baden-wuerttemberg.de/documents/10184/61110/Windkraft-Grundlagenanalyse-2012.pdf/656de075-a3d2-4387-aa30-7ec481c46c5c.
  3. Lubomierski, Nicolai. Die Erneuerbare-Energieregion Hunsrück – Untersuchungen zum Konfliktfeld Windkraft und Landschaftsästhetik . Trier : Universität Trier Fachbereich Raum- und Umweltwissenschaften, 7.2.2017. http://www.vernunftkraft-hessen.de/wordpress/wp-content/uploads/2017/04/master-arbeit_nicolai-lubomierski_governance-sustainability-lab-windkraft-landschaftssthetik-im-hunsrck.pdf.
  4. Wikipedia. Don Quijote. 2020. https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Quijote#Kampf_gegen_die_Windm%C3%BChlen.
  5. Lindorfer, Bianca Maria. Kampf gegen Windmühlen: Der niedere Adel Kastiliens in der frühen Neuzeit. München : Verlag für Geschichte und Politik, 2004. http://www.sehepunkte.de/2004/12/5533.html.
  6. Bürgerforum Energieland Hessen. Faktenpapier Windenergie in Hessen: Landschaftsbild und Tourismus. Wiesbaden : Hessen Agentur GmbH im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung, 3.2017. https://www.energieland.hessen.de/BFEH/Bad_arolsen/Faktenpapier_Tourismus_und_Landschaftsbild.pdf.
  7. IfR. Besucherbefragung zur Akzeptanz von Windkraftanlagen in der Eifel. [Online] : Institut für Regionalmanagement, 9.2012. http://www.klimatour-eifel.de/cache/dl-Bericht-Besucherbefragung-zur-Akzeptanz-von-Windkr-8cb0f28bf407036837f939c61bf01104.pdf.
  8. Augustin, Silvia. Erneuerbare Energien und Tourismus: Chance oder Risiko? [Online] : windwärts, 9.7.2014. https://www.windwaerts.de/de/infothek/geschichten/ee-und-tourismus.
  9. Grönemeyer, Herbert. Bochum. Köln : EMI, 11.5.1984. https://www.songtexte.com/songtext/herbert-gronemeyer/bochum-33dcf499.html.
  10. Schmidt, C., Hage, G., Hoppenstedt, A., Bruns, D., Kühne, O., Schuster, L., Münderlein, D., Bernstein, F., Weber, F., Rossmeier, A., Lachor, M., von Gagern, M. Landschaftsbild und Energiewende. Dresden : Fakultät Architektur, Institut für Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität Dresden, 2018. https://www.natur-und-erneuerbare.de/projektdatenbank/projekte/landschaftsbild-und-energiewende/.
  11. TU Berlin. Handlungsfeld Windenergie: Schlussbericht des Vorhabens ‚Innovative Ansätze zur umwelt- und sozialverträglichen Windenergieentwicklung – eine inter- und transdisziplinäre Handlungsfeldanalyse‘. Berlin : Technische Universität Berlin: Fachgebiet Umweltprüfung und Umweltplanung, 1.2018. https://www.dbu.de/OPAC/ab/DBU-Abschlussbericht-AZ-33315.pdf.
  12. Kveton, Peter. Windanlagen in Bayern vor dem Aus. [Online] : Bayerischer Rundfunk, 08.07.2020. https://www.br.de/nachrichten/bayern/windanlagen-in-bayern-vor-dem-aus,S45kEzT.
  13. Annette Bruhns, Stefan Schultz, Patrick Stotz und Achim Tack. Windjammer – Geplante Abstandsregel für Rotoren. Hamburg : SPIEGEL Wirtschaft, 21.11.2019. https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/windraeder-geplante-abstandsregel-wie-eng-es-wirklich-wird-a-1297398.html.
  14. Forum Energiedialog. Was sind realitätsnahe Visualisierungen? [Online] : Forum Energiedialog des Landes Baden-Württemberg, 20.4.2018. http://www.energiedialog-bw.de/wp-content/uploads/2018/05/20180522_Handreichung_Visualisierungen_final.pdf.

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