Behauptungen zur Windkraft – Tourismus

Fotografierender Wanderer

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über alle Behauptungen zur Windenergie.

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Behauptung

Touristengebiete erfahren Verluste, weil Besucher ausbleiben, die sich durch die Optik und Geräuschentwicklung der Windräder gestört fühlen.

Diskussion

Die Frage nach der Akzeptanz von Windenergieanlagen durch Touristen ist eng verknüpft mit der Frage nach dem Landschaftsbild. Da die Anlagen weithin sichtbar sind, ist denkbar, dass sich Besucher durch den Anblick gestört fühlen, und daher die Gegend meiden könnten. Dem steht entgegen, dass Touristen die Veränderung des Landschaftsbildes, welches das Gefühl von Heimat stört, nicht wahrnehmen, sofern sie nicht seit vielen Jahren immer wieder denselben Urlaubsort besuchen. Es bleibt der Anblick der Anlagen an sich, und ob dieser als störend empfunden wird, hängt stark vom Hintergrund der Besucher (Alter, Einstellung zum Klimawandel) sowie vom Marketing ab. Die Anlagen können nämlich sowohl als Fremdkörper in einer „alten“ oder „natürlichen“ Landschaft gesehen, als auch als modern, fortschrittlich und umweltfreundlich wahrgenommen werden. Dementsprechend wird versucht, Windkraft nicht zu verstecken, sondern offensiv zu bewerben. (1) (2) (3) (4)

Um zu ermitteln, ob und wie stark sich Besucher an den Anlagen stören bzw. ob das Buchungsverhalten durch die Anlagen beeinflusst wird, gibt es zwei verschiedene Untersuchungsmethoden: Umfragen und statistische Korrelationsuntersuchungen.

Umfragen

Umfragen kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen darüber, wie sehr sich Besucher von Windenergieanlagen gestört fühlen: Zwischen 6% an der Nord- und Ostsee (3), 12% in der Eifel  (5) bis hin zu 49% durch Windparks direkt am Wanderweg in Hessen (6). Ob die Besucher aber tatsächlich wegen der Windräder nicht wiederkommen, ist sehr viel schwieriger zu ermitteln. Zwar kann man die Besucher fragen (die Antworten reichen von 1% an der Ostsee (3) bis 6% bzw. 9% in der Eifel (6) (5) ), aber ob sie diese Drohung wahrmachen erfährt man dadurch nicht.

Statistische Untersuchungen

Statistische Untersuchungen versuchen, die Anzahl Windkraftanlagen in verschiedenen Abständen zu Ortschaften mit Übernachtungsangeboten mit der Anzahl Buchungen in diesen Ortschaften in Beziehung zu setzen, und berücksichtigen hierbei auch zeitliche Abstände (Buchungen ein, zwei oder mehr Jahre nach Errichtung der Anlagen). Die Hoffnung ist, hierdurch eben jene Frage zu beantworten, ob tatsächlich Besucher ausbleiben, wenn mehr Anlagen errichtet werden. Die Ergebnisse sind äußerst schwach und reichen von „statistisch signifikant bis zum Jahre 2000 für Anlagen innerhalb der Gemeinde mit Zeitverzögerung von einem Jahr“ (7) über „0,3% Rückgang der Übernachtungszahlen pro Windrad (von 2 GW Leistung) innerhalb von 20 km“ (8) bis zu „kein statistisch signifikanter Unterschied in den Wachstumsraten an Buchungen zwischen den Gemeinden mit der höchsten Anzahl von Windrädern innerhalb 10 km und jenen Gemeinden mit den geringsten Anzahl von Windrädern“ und „während die Anzahl Windräder immer noch zunimmt, wachsen auch die Anzahl Übernachtungen weiter, was negative Effekte in der Realität nicht beobachtbar macht“ (8).

Korrelationen Windräder zu Übernachtungen
Abbildung 1: Statistischer Einfluss der Anzahl Windenergieanlagen in verschiedenen Abständen von hessischen Gemeinden auf die Buchungen in diesen Gemeinden ein oder zwei Jahre später. Man erkennt, dass der Einfluß um 0,00 schwankt und die Nulllinien (kein Einfluß) fast immer vollständig innerhalb des 95% Konfidenzintervalls liegen. In den Jahren ab 2006 ist der Einfluß sogar größtenteils positiv (je mehr Anlagen vor einem bzw. zwei Jahren, desto mehr Besucher) (7)

Es ist sehr plausibel, dass ein Gewöhnungseffekt an Windenergieanlagen auch bei Touristen eingetreten ist, der anfängliche Ablehnung mittlerweile in Indifferenz und sogar Zustimmung hat umschlagen lassen. Gestützt wird diese Annahme sowohl durch die Tatsache, dass in Küstenregionen die schon länger Windräder haben, die Akzeptanz höher ist, wie auch die Tatsache, dass die sowieso schwachen, ehemals leicht negativen Korrelationen mit den Übernachtungszahlen mit den Jahren abnahmen und inzwischen nicht mehr nachweisbar sind. (7)

Fazit

Touristen sind weniger empfindlich gegenüber Windenergieanlagen als „Alteingesessene“, da sie seltener einen Vorher/Nachher-Vergleich haben. Weder in Umfragen noch in statistischen Untersuchungen lässt sich ein Einfluss von Windrädern auf Buchungszahlen nachweisen, da unklar ist, ob Touristen ihre (sehr seltene) Drohung, wegen der Windräder nicht wieder zu kommen wahr machen, und weil die Buchungszahlen insgesamt ansteigen, so dass ein eventueller negativer Effekt darin untergeht. Da sich die Einstellung gegenüber erneuerbaren Energien in der Bevölkerung insgesamt positiv entwickelt, werden die Anlagen mittlerweile auch eher mit Fortschritt und Umweltschutz in Verbindung gebracht als mit Störung.

Quellen

  1. KlimaTour Eifel. EnergieTour Eifel. [Online] : Naturpark Nordeifel e.V., 2020. http://www.klimatour-eifel.de/entdecken/energietour-eifel/#m-467.
  2. Wikipedia. Windkraftanlage mit Aussichtsplattform. 2020. https://de.wikipedia.org/wiki/Windkraftanlage_mit_Aussichtsplattform.
  3. Augustin, Silvia. Erneuerbare Energien und Tourismus: Chance oder Risiko? [Online] : windwärts, 9.7.2014. https://www.windwaerts.de/de/infothek/geschichten/ee-und-tourismus.
  4. Mayr-Huydts, Stephanie. Deutschland Erneuerbare Energien erleben. s.l. : Baedecker, 20. März 2014. https://books.google.de/books/about/Baedeker_Reisef%C3%BChrer_Deutschland_Erneue.html?id=qlGdAwAAQBAJ&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false.
  5. Eifeler Presse Agentur. Hohe Akzeptanz von Windenergie bei Eifel-Touristen. [Online] : Eifeler Presse Agentur, 7.11.2012. https://eifeler-presse-agentur.de/2012/11/hohe-akzeptanz-von-windenergie-bei-eifel-touristen/.
  6. Bürgerforum Energieland Hessen. Faktenpapier Windenergie in Hessen: Landschaftsbild und Tourismus. Wiesbaden : Hessen Agentur GmbH im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung, 3.2017. https://www.energieland.hessen.de/BFEH/Bad_arolsen/Faktenpapier_Tourismus_und_Landschaftsbild.pdf.
  7. Manuel Gardt, Tom Broekel, Philipp Gareis, Marie-Louise Litmeyer. Einfluss von Windenergieanlagen auf die Entwicklung des Tourismus in Hessen. [Online] : De Gruyter, 16.3.2017. https://www.degruyter.com/view/journals/zfw/62/1/article-p46.xml.
  8. Broekel, Tom and Alfken, Christoph. Gone with the wind? The impact of wind turbines on tourism demand. München : Munich Personal RePEc Archive, 4.8.2015. https://mpra.ub.uni-muenchen.de/65946/1/MPRA_paper_65946.pdf.

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