Behauptungen zur Windkraft – Strompreis

Strommast mit Arbeiter

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über alle Behauptungen zur Windenergie.

Verwandter Artikel: Subventionierung der erneuerbaren Energien, Ungleichmäßige Energieerzeugung, Strom sparen

Behauptung

Die EEG-Umlage ist mittlerweile der größte Posten im Strompreis. Außerdem wird das Netzentgelt immer mehr, weil teure Stromtrassen gebaut werden müssen, um den Windstrom zu verteilen. Der Einspeisevorrang an der Strombörse sorgt dafür, dass der Strom immer teurer wird.

Diskussion

Die EEG-Umlage beträgt 21% des Strompreises. Die Kosten für die Stromerzeugung sind mit 23,2% höher, und der größte Posten sind die Netzentgelte mit 24,3% des Preises, siehe Abbildung 1.

Zusammensetzung Strompreis 2019
Abbildung 1: Zusammensetzung des Strompreises in Deutschland 2019 (2)

Wir hatten im Artikel Subventionen diskutiert, wie die Börsenpreise zustande kommen, und dass sie sinken, je mehr erneuerbare Energien im Netz sind. Warum sind Erzeugungspreis und EEG-Umlage dann trotzdem so hoch?

EEG-Paradoxon (Teil 2)

Eigentlich müssten sich sinkender Börsenpreis und steigende EEG-Umlage ja ausgleichen, so dass beim Verbraucher der Preis konstant bleibt. Offensichtlich werden aber die sinkenden Börsenpreise von den Energieversorgern nicht an die Verbraucher weitergegeben, die steigende EEG-Umlage aber sehr wohl. Der Grund dafür ist, dass viele Stromversorger den günstigen Börsenstrom gar nicht kaufen, da sie feste Verträge mit einzelnen Vorlieferanten abgeschlossen haben. (1) Daher bleiben ihre Einkaufspreise hoch, zum Nutzen der großen Energiekonzerne (RWE, E.ON, Vattenfall, EnBW, etc.), die ihre fossilen Kraftwerke nicht drosseln müssen (was im Übrigen für Kohle- und Atomkraftwerke auch technisch schwierig ist) und zum Schaden der erneuerbaren Energien, die ihren Strom an der Börse nicht loswerden, obwohl sie ihn umsonst anbieten müssen.

Vor 2010 wurden die Stromversorger direkt mit Strom aus erneuerbaren Energien beliefert. Dadurch konnten fossile Kraftwerke weniger produzieren, und die EEG-Umlage und die gelieferte Strommenge verliefen parallel. Seit aber auch der erneuerbare Strom an der Börse verkauft werden muss, sind nicht nur die Börsenpreise gesunken, außerdem hat sich die EEG-Umlage seither von der erzeugten Strommenge aus erneuerbaren Energien abgekoppelt (Abbildung 2).

EEG-Paradoxon
Abbildung 2: Entwicklung der EEG-Umlage und der EEG-Strommenge (1)

Die von CDU/CSU und FDP beschlossene Änderung des EEGs hat also letztlich zum Anstieg der EEG-Umlage geführt, obwohl erneuerbare Energien gar nicht in gleichem Maße ausgebaut wurden.

Wenn Sie mehr über das EEG-Paradoxon erfahren möchten, lesen sie Teil 1 und Teil 3.

Stromtrassen

Es ist richtig, dass die Bundesnetzagentur einen massiven Ausbau der Stromtrassen plant, nämlich bis 2035 einen Zubau von fast 18.000 km mit einem Investitionsvolumen von 95 Mrd. Euro. Allerdings sind mehrere Punkte an diesem Plan fragwürdig (3) (4) (5):

  • Die erneuerbaren Energien sollen bis 2035 auf 223 GW verdoppelt werden, mehr als dreimal so viel wie die durchschnittliche Stromnachfrage von dann rund 63 GW. Gleichzeitig sollen konventionelle Kraftwerke weiterhin eine gewisse Mindestmenge einspeisen. Dies bedeutet, dass es massive Leistungsüberschüsse geben wird. Die entscheidende Frage ist, was mit diesen Überschüssen passieren soll. Die logische Konsequenz wäre, diese Überschüsse in Batterien zu speichern, grünen Wasserstoff zu erzeugen oder Wärme zu erzeugen bzw. zu speichern, um so das Netz zu stabilisieren und Dunkelflauten zu überbrücken. Stattdessen ist aber geplant, diese Überschüsse ins Ausland zu verkaufen, da wie wir im Artikel Subventionen gesehen haben, die aktuelle Konstruktion des EEGs die Preise an der Börse drückt. Hierfür jedoch sind die aktuellen Netze nicht ausreichend, obwohl die durchschnittliche Auslastung der neuen Leitungen teilweise nur 3% betragen wird.
  • Der Netzentwicklungsplan führt keine Kosten-Nutzen-Analyse durch. Insbesondere wird Stromerzeugung durch Solaranlagen und Biomassekraftwerke nicht berücksichtigt. Dadurch wird der Netzausbau nicht nur unnötig groß, sondern auch unnötig teuer, darüber hinaus wird durch das Ignorieren der Netzausbaukosten in der Gesamtkalkulation für die sichere Energieversorgung Deutschlands die dezentrale Energiewende systematisch benachteiligt.
  • Die Stromtrassen sind keineswegs nur für erneuerbare Energien gedacht. Es soll durchaus auch Strom aus fossilen Quellen durchgeleitet werden. Dies wird etwas verklausuliert auch vom Netzbetreiber selbst zugegeben: „Spielt das Wetter nicht mit und weht im Norden nicht genügend Wind, können Kraftwerke in Nordrhein-Westfalen übernehmen.“ (6)
  • Die neuen Stromtrassen haben anders als normale Hochspannungsleitungen keinerlei Abzweigungen auf dem Weg. Sie tragen daher nicht zur Netzstabilität in Deutschland bei, vielmehr kann Strom relativ verlustfrei von Skandinavien bis Italien geleitet werden. Daher sind die Trassen vor allem Teil des Ausbaus des europäischen Strombinnenmarktes.
  • Die Naturschutzbelange werden von der Bundesnetzagentur selbst beurteilt. Grob gesprochen untersucht sie verschiedene Varianten miteinander, und entscheidet sich für eine jener Varianten, die nicht wesentlich schlechter als eine andere Variante ist. Was hierbei wesentlich schlechter bedeutet, legt die Behörde selbst fest, außerdem ist das absolute Ausmaß der Umweltbelastungen irrelevant, da die Stromtrassen auf jeden Fall gebaut werden – es wird nur die am wenigsten schlimmste Variante gewählt.
  • Die Bundesnetzagentur ist dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellt. Dies bedeutet, dass sie nicht unabhängig agieren kann, und das allein ist Grund genug für die EU-Kommission, Deutschland vor dem europäischen Gerichtshof zu verklagen. (7)

Zusammengefasst soll der Netzausbau durch die dem BMWi unterstellte BNetzA von den Stromkunden finanziert werden, um den Energieunternehmen zu ermöglichen, Strom ins Ausland zu verkaufen, anstatt die Bürger von der EEG-Umlage zu entlasten und Speichertechnologien auszubauen, welche eine größere Unabhängigkeit der Verbraucher von den großen Energieunternehmen ermöglichen würden.

Konsequenterweise sind Bürgerinitiativen, die sich gegen den Netzausbau und neue Stromtrassen wehren, üblicherweise starke Befürworter der dezentralen Energiewende und keine Windkraftgegner. (8) (9)

Auch der BUND wendet sich deutlich gegen den geplanten Ausbau. (10)

Netzstabilität

Die Zahlen legen nahe, dass die erneuerbaren Energien nicht für mehr Instabilität, sondern im Gegenteil zu mehr Stabilität für das Stromnetz sorgen. Zum einen ist Deutschland zusammen mit Dänemark das Land mit den wenigsten Versorgungsunterbrechungen und gleichzeitig einem hohen Anteil erneuerbarer Energien (siehe Abbildung 3),

Versorgungsunterbrechungen Europa
Abbildung 3: Versorgungsunterbrechungen 2016 im europäischen Vergleich (12)

zum anderen wurden die Versorgungsunterbrechungen in Deutschland parallel zum Ausbau der erneuerbaren Energien tendenziell weniger, nicht mehr (siehe Abbildung 4 und (11) ).

Versorgungsunterbrechungen und EE
Abbildung 4: Versorgungsunterbrechungen in Deutschland und Anteil Erneuerbarer Energien 2006-2018 (13)

Dies ist auch nicht verwunderlich, da die erneuerbaren Energien dezentral sind – die Wege vom Erzeuger zum Verbraucher sind kurz, die jeweiligen Leistungen der einzelnen Anlagen sind verhältnismäßig gering. Wenn ein Kohle- oder Atomkraftwerk ausfällt, oder eine Hauptleitung beschädigt ist, sind große Gebiete betroffen, wenn aber ein einzelnes Windrad oder ein Windpark ausfällt, fällt dies im Gesamtnetz nicht auf.

Fazit

Dass die EEG-Umlage seit 2010 anstieg, lag weniger am Ausbau der erneuerbaren Energien, diese wuchsen nämlich viel langsamer als die Umlage, sondern an den politischen Änderungen der CDU/FDP-Regierung, die die erneuerbaren Energien an den Spotmarkt zwang und somit die Vergütungslücke vergrößerte. Auch der überdimensionierte Netzausbau ist nicht den erneuerbaren Energien geschuldet, sondern dient vor allem dem Verschieben von Strom innerhalb Europas, zum Nutzen der großen Kraftwerksbetreiber, zum Schaden der dezentralen Energiewende.

Quellen

  1. IWR. Erneuerbare Energien werden subventioniert – Staat zahlt keinen Cent. [Online] : IWR Internationales Wirtschaftsforum Regenerative Energien, 2020. https://www.iwr-institut.de/de/component/content/article?id=148%3Aerneuerbare-energien-werden-subventioniert-staat-zahl-keinen-cent.
  2. Holm, Linda Marie. Strompreiszusammensetzung. [Online] : STROM-REPORT Zahlen. Daten. Fakten., 2019. https://strom-report.de/strompreise/strompreis-zusammensetzung/.
  3. Jarass, Baumann. Überdimensionierter Netzausbau behindert die Energiewende. Norderstedt : Books on Demand, 2020. http://www.jarass.com/Energie/A/ueberdimensionierter_Netzausbau_behindert_die_Energiewende/NEP_2030,_Buch,_v2.32,_Internet.pdf.
  4. Hutter, Ralf. Streit um Stromtrassen – Muss norddeutscher Windstrom in den Süden? [Online] : swr2, 16.6.2020. https://www.swr.de/swr2/wissen/streit-um-stromtrassen-muss-norddeutscher-windstrom-in-den-sueden-swr2-wissen-2020-06-16-100.html.
  5. Wraneschitz, Heinz. Ein Bundesnetz-Umweltbericht gibt zu denken. [Online] : Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V., 07.08.2020. https://www.dgs.de/index.php?id=4301&type=0.
  6. amprion. Projekt Ultranet – Bedarf. Dortmund : amprion, 2020. https://ultranet.amprion.net/Projekt/Bedarf/.
  7. Bethke, Laura. Bundesnetzagentur ist nicht unabhängig genug: Kommission verklagt Deutschland. [Online] : Europäische Kommission Vertretung in Deutschland, 19.07.2018. https://ec.europa.eu/germany/news/20180719-bundesnetzagentur-nicht-unabhaengig-kommission-verklagt-deutschland_de.
  8. Hamann, Dörte. Bürgerinitiative gegen die Stromtrasse im Nürnberger Land! Leinburg : Stromtrasse1601.de, 2020. https://www.stromtrasse1601.de/wcf/.
  9. Locker, Sebastian. Zukunft geht anders! Pulheim : PBU Pulheimer Bürgerinitiative gegen Ultranet, 2020. https://www.pulheim-gegen-ultranet.de/.
  10. Neumann, Werner. Ausbauplan für Stromnetz ist überdimensioniert – Experten fordern Trendwende für Dezentralität und Flexibilität. [Online] : BUND, 18.6.2020. https://www.bund.net/service/presse/pressemitteilungen/detail/news/ausbauplan-fuer-stromnetz-ist-ueberdimensioniert-experten-fordern-trendwende-fuer-dezentralitaet-und-flexibilitaet/.
  11. Weiß, Clemens. Mehr Netzstabilität dank Erneuerbaren Energien. [Online] : energiezukunft, 10.9.2015. https://www.energiezukunft.eu/erneuerbare-energien/netze/mehr-netzstabilitaet-dank-erneuerbaren-energien/?L=0.
  12. AEE. Versorgungsunterbrechungen im europäischen Vergleich. [Online] : Agentur für Erneuerbare Energien, 7.2018. https://www.unendlich-viel-energie.de/mediathek/grafiken/versorgungsunterbrechnungen-im-europaeischen-vergleich.
  13. —. Versorgungsunterbrechungen in Deutschland und Anteil Erneuerbarer Energien 2006-2018. [Online] : Agentur für erneuerbare Energien, 1.2020. https://www.unendlich-viel-energie.de/mediathek/grafiken/versorgungsunterbrechungen-in-deutschland.

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