Wertewandel in der Wendezeit

Weiche vor der Brücke zur alten Welt
Gastartikel: Jürgen Eiselt
 
Niemand hätte sich vor dem Coronavirus vorstellen können, dass die Weltwirtschaft innerhalb weniger Tage komplett runterfährt und wissenschaftliche Bewertungen plötzlich zu drastischen Einschränkungen führen. Sogar durch das Grundgesetz garantierte Rechte wurden zeitweise eingeschränkt. Für die Bekämpfung der Klimakrise ergeben sich dadurch wertvolle Erkenntnisse. Ob Diktatur, Vetternwirtschaft oder Demokratie: alle Staaten stellen in der Corona-Krisenzeit schwindelerregende finanzielle Summen bereit.
Die Gesellschaft entschleunigt und besonders junge Menschen erkennen erstmals, dass nicht der Preis einer Ware entscheidend ist, sondern ein idealistischer oder praktischer Wert viel wichtiger sein kann. Wer hätte noch Anfang 2020 gedacht, dass Toilettenpapier, Nudeln, Mehl oder Backhefe nicht mit dem Warenpreis, sondern mit der Verfügbarkeit bewertet wird? Überraschend auch der gesellschaftliche Wertewechsel. Wirtschaftliche Institutionen oder die Finanzwirtschaft sind nicht mehr relevant. Plötzlich bekamen ärztliche Dienstleistungen, Krankenpfleger/innen, Pflegedienste, Krankenhauspersonal, Apotheken, Zusteller, tausende fleißige Hände an Nähmaschinen und Kassierer/innen im Einzelhandel die volle Aufmerksamkeit. Für diese jetzt systemrelevanten Berufe klatschten Menschen auf den Straßen und sogar das Parlament im Bundestag.
 

Wertewechsel

Das Wissen alles zu jeder Zeit in jeder beliebigen Menge konsumieren kann, gehört seit März 2020 der Vergangenheit an. Ein Urlaub auf Mallorca bedeutet mit Maske fliegen. Disco-Partys, Billighotels oder Massenbesäufnisse gehören heute genauso wenig zur Urlaubsvorstellung wie mit Kreuzfahrten möglichst viel Unterhaltung zu konsumieren. Das Motto: „Was kostet die Welt“ ist vorerst vorbei. Auch das Einkaufen ändert sich radikal. Karstadt/Kaufhof hat schon länger den Umstieg auf zeitnahe Produkte und Bedürfnisse verpasst. Die Zeichen der Zeit und den als disruptiv bezeichneten brutalen Verdrängungsprozess haben weder Karstadt, Großschlachthöfe, Energiekonzerne oder die Automobilbauer erkannt. Die Kulturszene und Eventbranche ist leider immer noch schwer angeschlagen. Denn Schauspiel, Kino, Theater, Messen/Ausstellungen oder Konzerte benötigen den direkten Kundenkontakt. Oft liegen die Einnahmen monatelang bei Null, während Mieten und sonstige Betriebskosten weiterlaufen.
Den Wert unserer Bildung erfuhren Eltern, die Lehrerschaft, Kinderbetreuungseinrichtungen und das gesamte Bildungssystem inklusive Ministerien mit brutaler Härte. Weder technisch noch organisatorisch waren Wirtschaft und Gesellschaft auf überwiegend digitale Kommunikation vorbereitet. Großeltern übernahmen früher Kinderbetreuung und unterstützten arbeitende Eltern. Auch diese systemrelevante Stützung des alten Gesellschaftssystem existierte von heute auf morgen nicht mehr. Denn Menschen durften ihre Lieben nicht in den Arm nehmen oder gar besuchen. Menschliche Nähe, die Sehnsucht nach persönlichem Kontakt und Gruppentreffen sehen viele jetzt in einem anderen Licht. Hier gilt die Weisheit: „Erst wenn etwas verloren gegangen ist bemerkt der Mensch, was sie/er vorher gehabt hat“. Das Bild von Liebenden, die sich wegen eines Grenzzauns am Bodensee auf beiden Zaunseiten nur sehen konnten, ging um die Welt.
 

Tote Gleise

Der Zukunftszug fährt in voller Fahrt auf die entscheidende Wendeweiche zu. Rechts führt überaltert und unsichere Gleise zur stark einsturzgefährdeten Brücke der alten Wertewelt. Die stotternde Zugmaschine „Fossile Verbrennungswirtschaft“ fährt dort direkt Richtung Schrottplatz. Dort werden auf dem Abstellgleis Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe, LKW, PKW sowie die schmutzigen Verbrennungskessel der Energiekonzerne und Gebäudeheizungen jetzt schon abgestellt. Ohne drastische und schnelle Gegenmaßnahmen bedeutet der Weg nach Rechts dauerhafte Erderhitzung und mit Sicherheit das Ende der wohlstandskranken Zivilisation. Eine Rückkehr zu einem „normalen“ Leben ist dann ausgeschlossen.
Lobbyvertreter wie Mitglieder der CDU – „Werteunion“, ADAC, der Bauernverband, einige Manager in den Konzernvorständen und Wirtschaftsvertreter haben immer noch nicht die dramatische Lage erkannt. Wie ein Geist verlieren sie sich im untergehenden alten System. Dies bestand aus Geldgier, technischer Vergötterung, Imagesucht, dauerhaftes Kleinreden der Klimakrise in den Medien und Machtgehabe. Sie gefährden den Klimaschutz und letztlich auch die Wirtschaft. Für Arbeitsplätze wie in der Braunkohle, Zulieferer für Benzin-Maschinen oder fossil betriebene Motoren gibt es keine Zukunft. Schmutzige Energiekonzerne haben jetzt schon keine Chance mehr, gegenüber den erneuerbaren Energien wirtschaftlich mitzuhalten. Wohin will VW/Mercedes/BMW und andere Hersteller denn noch Verbrennungsfahrzeuge verkaufen? Mit Sicherheit nicht nach China. Ob die Kreuzfahrtschiffbranche jemals wieder zur alten Stärke zurückfindet darf bezweifelt werden. Auch Flugreisen nehmen in Zukunft stark ab, beispielsweise durch wesentlich mehr Home-Office-Konferenzen und höhere Ticketpreise. Umso wichtiger ist es jetzt, dass sich die Wirtschaft bei uns sofort auf die Bedürfnisse der neuen Solarzeit einstellt. Sonst werden selbst führende DAX-Konzerne sehr schnell vom Markt verschwinden.[2]
 

Warnmeldungen

Wohl jeder kennt die Titanic-Tragödie. Die rechtzeitig eingegangenen Warnmeldungen und Sicherheitsbedenken ignorierten die Verantwortlichen 1912 genauso wie Politik und Wirtschaft heute. Über 26.000 Wissenschaftler warnen schon länger eindringlich über die sehr kurze Zeitspanne, die uns noch bleibt, um die Wirtschaft inklusive Energieversorgung innerhalb der nächsten Dekade auf „Klimaschonend“ umzustellen – siehe Fakten von Scientists For Future.[1]  Mutiert das Coronavirus oder die Kawasaki-Krankheit schlägt bei Kindern gefährlich durch, kann wieder alles auf NULL gestellt werden. Das Damoklesschwert „Neue Pandemie“ schwebt weiter über die verunsicherte Erdbevölkerung. Wer Gesundheitsvorsorge ernst meint, kann eine nicht mehr beherrschbare Hitzewelle im Klimawandel ernsthaft in Kauf nehmen.

Notbremse ziehen

Für einen wirksamen Systemwechsel sind neue rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erforderlich und die Klimakrise muss wieder in den medialen Fokus rücken. Um ein Unglück noch zu verhindern hilft nur noch eine Notbremsung. Zu lange ignorierten einige Klimaschutzgegner/innen in den Manageretagen und die Politik Wissenschaft und öffentliche Meinung. Sie dürfen nicht länger das alte System bis zum Absturz weiterführen und die Existenzgrundlagen nachfolgender Generationen zerstören. Im Herbst 2021 findet die nächste Bundestagswahl statt. Selbst wenn Scheuer, Altmaier und Co. nicht mehr in der Regierung mitbestimmen, braucht die neue Bundesregierung mindestens ein halbes Jahr, damit neue Gesetze beschlossen und umgesetzt werden. Das bedeutet mehr als ein Jahr keine Bewegung. Diese Zeit haben wir nicht.

Bahnhof „Neue Solare Wasserstoffzeit“

In allen Lebensbereichen bilden rohstoffschonende und klimaneutrale Antriebe die Grundlage für demokratische Entscheidungen, sozialen Frieden und ein energetisches Gleichgewicht. Das neue Zeitalter gibt uns Hoffnung auf eine gerechte Zukunft, denn:
– Durch die Energiewende von unten erreichen wir die Klimaziele früher
– Kreislaufsysteme beenden die unverantwortbare Vermüllung und die damit verbundene Naturzerstörung
– Der dringend benötigte Konjunkturmotor „Erneuerbare Energien“ wartet bereits im Leerlauf
– Weltweit entstehen Millionen neue Arbeitsplätze, besonders in der erneuerbaren Energiebranche.
 
Wenn die Weiche Richtung Klimarettung durch eine demokratische und gerechte Energiewende umgestellt ist, erleben wir eine völlig andere Welt mit Wasserstofffabriken[5], Stromernte auch auf Ackerflächen (Agrar-Photovoltaik), einem verbindlichen Klimarettungsfahrplan und Erholung der Natur. Nicht nur im Bahnhofsgebäude steht der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt. Geld oder Technik sind nur noch Mittel zum Zweck und damit nicht mehr das primäre Zielelement wie beim Turbokapitalismus. Einige Bürgerenergiegemeinschaften, lokale Unternehmen, Energieversorger, Gewerbe und die öffentliche Verwaltung erzeugen durch eine dezentral strukturierte Energiewende ihre eigene Energieversorgung – siehe Energiezellenkonzepte „Zellularer Ansatz“[6] vom VDE und im Konzept „Energetisches Gleichgewicht“[7]. Sauberes Trinkwasser, essbare und bezahlbare Lebensmittel, gesunde Luft, kein Konsumterror mehr und besonders überlebensfähige Temperaturen sichern das tägliche Überleben für Millionen von Menschen und nachfolgenden Generationen. Diese positiven Aussichten vom neuen Zeitalter mit verantwortungsvollen Werten rechtfertigen den radikalen Kurswechsel. Die ältere Generation hat schließlich die Verpflichtung den angerichteten Schaden zu beseitigen.
 
Quellen:
[2] Energiefachbuch: Tony Seba: „Saubere Revolution 2030“.
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Juergen Eiselt
Über Juergen Eiselt 5 Artikel
- Klimaktivist von Anfang an - erste Demo gegen das Kohlekraftwerk Buschhaus Anfang der 1980er Jahre - Projektmanager für erneuerbare Energien mit kompletter Energieberatungsausbildung - Photovoltaikplanungen und Vertrieb und Energieberatungen vor Ort, überwiegend Privathaushalte - Energiefachbuchautor / Publizist mit Gastbeiträge, Artikel, Blogbeiträge - Vorträge und Präsentationen rund um Klimaschutz und erneuerbare Energien Unterstützung von: - Scientists For Future - The Climate Reality Project (internationale Klimaschutzorganisation von Al Gore) - Fridays For Future (u.a. mit Vorträge) - bundesweit aktive Umwelt- und Klimaschutzverbände